Politikwissenschaftlerin, Theologin, Journalistin

BLOG


Dezember 2018

Kunst in München

Florenz und seine Maler in der Alten Pinakothek, man kann ungefähr 120 wahre Meisterwerke sehen. Am Anfang der Ausstellung erläutern große Bild- und Texttafeln die bahnbrechenden künstlerischen Erfindungen und die Wechselwirkungen zwischen den Neuerungen der Techniken und denen der Stile. Die Kunstwerke - keinesfalls nur Gemälde, sondern auch Zeichnungen und Skulpturen - zeigen immer wieder religiöse Themen, aber auch profane Portraits. Was hatten die Künstler für Ideen, wie arbeiteten sie? Die Ausstellung läuft noch bis zum 27. Januar. Auch die Dauerausstellung ist toll, viel Dürer, den ich sehr mag. Sonntagseintritt in den Pinakotheken ein Euro, das ist sozial, ich liebe die Bayern!


November 2018

Kunst in Hamburg

Das Museum für Kunst und Gewerbe zeigt noch bis zum 13. Januar Inky Bytes, Tuschespuren im Digitalzeitalter, und bis zum 17. März 68. Pop und Protest.

In den Inky Bytes arbeiten Künstler und Künstlergruppen aus Hamburg und China analog und digital und postitionieren sich, so der Text zur Ausstellung, gegenüber chinesischen Tuschetraditionen wie Tuschemalerei, Buchdruck und Steinabrieb. In einem Raum kann man eine VR-Brille aufsetzen und 360 Grad herumschauen und dabei zusehen, wie die Künstler in Hamburg in der Nähe der Uni im Freien arbeiten.

68. Pop und Protest erinnert an die Erschütterungen und Dramen, die nationalen Proteste und revolutionären Ideen, die dadurch entstanden, ermöglicht und unterstützt wurden. Eine weltweite kulturelle Revolution sei in Gang gesetzt worden. - Wirklich weltweit? Aber wir profitieren heutzutage von den Kämpfen von damals, über die Fortschritte in Fragen der Menschenrechte etwa bin ich glücklich, auch wenn, man braucht es nicht zu betontn, viel zu tun bleibt.

In der Kunsthalle habe ich die "Ruine Oybin" von Caspar David Friedrich betrachtet, Vorgänger seines politischsten Bildes, "Huttens Grab". Hatte die FAZ so toll beschrieben (15.08.2018, S. 11).

Und ich habe Bilder Hamburger Künstler angeguckt, die Kunsthalle hat einen Saal eingerichtet, in der Kunst in Hamburg aus den verschiedenen Sammlungsbereichen versammelt wird. Ungefähr einmal im Jahr werden neue Bilder reingehängt, aktuell "Klassische Moderne" mit einer Präsentation zum Hamburgischen Künstlerclub von 1897, mit Julius von Ehren, Ernst Eitner, Arthur Illies und Anderen. Klasse!

Und, auch ganz überraschend, damit hätte ich nicht gerechnet: Die Kunsthalle zeigt Lieblingsbilder der Hinz&Kunzt-Verkäufer_innen. (Hier schreibe ich "_innen", denn die Ausstellung heißt so. Ansonsten verwende ich das Generische Maskulinum: Damit sind Männer UND Frauen gemeint.) Die Kunsthalle gratuliert, vor 25 Jahren erschien nämlich die erste Hinz&Kunzt in Hamburg. Zum Jubiläum lud Kunsthallen-Direktor Christoph Martin Vogtherr sechs Hinz&Kunzt-Verkäufer zu einem Rundgang in die Kunsthalle ein, sie erwählten ihre Lieblingsbilder, und man kann in der Ausstellung lesen, was sie dazu zu sagen haben. Super Idee.

Kunst in Berlin

George Grosz in Berlin und, Kontrastprogramm, Simply Danish im Bröhan-Museum. Simply Danish zeigt noch bis zum 3. März Silberschmuck des 20. Jahrhunderts von dänischen Künstlern. Für meinen Geschmack zu glänzend, aber zum Angucken im Museum interessant. Man sieht die Sammlung des Berliner Ehepaares Marion und Jörg Schwandt mit ungefähr 170 Schmuckstücken von 48 Künstlern, seit dem Jugendstil. George Grosz sehe ich seit der Ausstellung mit anderen Augen, unter den mehr als 200 versammelten Werken sind viele, die sonst nicht öffentlich zugänglich  sind, und die Texte zu den Bildern sind wirklich gut. Er hat in der Weimarer Republik provoziert, wurde dreimal angeklagt, und provoziert noch heute. Schnell hin, läuft nur noch bis zum 6. Januar!


Oktober 2018

Kunst in Berlin über Berlin

Die Schönheit der grossen Stadt im Museum Ephraim-Palais (gehört zur Stiftung Stadtmuseum), zeigte, wie Künstler vom 19. Jahrhundert bis (fast) heute die städtischen und gesellschaftlichen Strukturen Berlins sahen. Die Bilder hingen von Februar bis Ende Oktober, und ich habe es an einem der letzten Tagen noch hingeschafft, zum Glück, es war ein Erlebnis! Lyonel Feiniger malte 1912 einen Gasometer in Schöneberg, hellgrauen Rauch vor schmutziggoldenem Gebäude, Max Beckmann machte 1911 den Nollendorfplatz fast menschenleer, und Rainer Fetting ließ 1993/94 den Potsdamer Platz mit roten Kränen hinter dem großen dunkelgrünen Tiergarten fast verschwinden. In dieser Ausstellung hätte ich stundenlang herumstromern und gucken können.


September 2018

Kunst in Berlin

Viel auf einmal: In ganz Berlin die Berlin Art Week, und am ehemaligen Flughafen Tempelhof in den Hangars 5 und 6 die art berlin, und im Hangar 4 die positions. Art berlin und positions dauerten nur das letzte Septemberwochenende. Ausstellungen der Berlin Art Week dagegen laufen weiter, etwa im Gropiusbau, und da bin ich erst in Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland gestolpert und dann in Bestandsaufnahme Gurlitt.

In den Bewegten Zeiten  werden verschiedene Exponate aus allen Bundesländern unter den vier Themen Mobilität, Konflikt, Austausch und Innovation ausgestellt und sollen auf persönlicher, wirtschaftlicher und religiöser Ebene die Folgen überregionaler Interaktion erzählen. Das klappt mehr oder weniger gut, ein bisschen erratisch vielleicht, aber im letzten Raum haben die Ausstellungsmacher es geschafft, einige der bedeutsamsten Funde überhaupt zusammenzuführen: drei der vier Goldhüte, die Venus von Hohle Fels und die Himmelsscheibe von Nebra. Da stockte mir der Atem, so grandios war es.  [Nachtrag, Dezember 2018: Die Himmelsscheibe wurde inzwischen durch ein Duplikat ersetzt.]

In der Bestandsaufnahme Gurlitt werden tolle Exponate gezeigt, aber ich hätte mir gelegentlich eine genauere Erläuterung gewünscht: Warum wurden von über 1500 Exponaten bisher nur 4 an die Nachfahren der rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben? Und wenn Nazis Kunst als entartet bezeichneten und aus Museen raubten, pardon, beschlagnahmten, sollen diese Werke dann diesen Museen zurückgegeben werden? Oder sind auch sie in Bern? Warum? Ich wüsste gern Näheres. [Nachtrag, Dezember 2018: Eine entsprechende Presseanfrage an die Bundeskunsthalle wurde nicht beantwortet. Schade.]

Die positions sind schön übersichtlich, man kriegt keine Plattfüße, und am besten gefiel mir eine ganz skurrile Figur: ein Fisch auf zwei Beinen von Albrecht Genin.


Nino Haratischwili, Die Katze und der General

Ach, auch toll... Liest man weg wie nix.


Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka)

Wer liest freiwillig 1200 oder 1300 Seiten? Man sollte sich aber wirklich dranwagen, ich kann die georgische Familiensaga nur empfehlen, das Buch hat mich gefangen genommen. Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um reizukommen, hilfreich ist der Stammbaum der Familie in der hinteren Umschlagseite. Nino Haratischwili kommt aus Georgien, nebenher habe ich bei der Lektüre einiges über dieses besondere Land gelernt, aber eher aus Versehen, zum Glück, denn ich mag Romane, die Unterricht in Geschichte oder Geographie geben, ebensowenig wie lehrreiche Spiele. Dies Buch aber hat mich begeistert und immer wieder überrascht, ich mochte jede Person auf eine andere Art und Weise, und ich würde ehrlich gesagt gern wissen, was mal aus dem Mädchen Brilka wird - ein neuer Roman, hoffe ich. Erst mal habe ich mir von derselben Autorin Die Katze und der General gekauft, gebunden leider 30 Euro, aber was soll man machen.


August 2018

Stephan Balkenhol in der Kunsthalle Emden

Noch bis zum 16. September läuft in der Kunsthalle Emden die Ausstellung mit Werken von Stephan Balkenhol. Am besten gefiel mir die Giraffe auf dem Schnittmusterbogen. Als ich gehen wollte, regnete es, und ich habe auch noch den Film über den Künstler angeschaut: Unprätentiös und gut! Lustig, dass die documenta eine Skulptur nicht mochte, die der Künstler in einem Kirchturm ausgestellt und dann der Kirche geschenkt hat. Das Café lohnt auch einen Besuch.

Auferstehungen in der Kunsthalle Emden

Parallel läuft die diesjährige Sommerausstellungen mit Meisterwerken aus der Sammlung, diesmal zum Thema "Auferstehungen". Im November diesen Jahres ist das Ende des Ersten Weltkriegs 100 Jahre her.  Was machte der Krieg mit Künstlern wie Dix, Grosz, Heckel, Pechstein? Einige hatten den Krieg herbei gesehnt, erwarteten eine Reinigung, dass eine Verweichlichung aufhörte. Wieso kann ich so absurde Vorstellungen verstehen? Zum Glück lebe ich in einer Demokratie, die Schwache schützt. Und die Künstler? - Sie bekamen Traumata, Krankheiten, Verletzungen, neue Utopien, den Tod...

Niederländische Malerei in der Kunsthalle Bremen

Kunsthalle Bremen: Bis zum 26. August lief die Ausstellung "Tulpen, Tabak, Heringsfang" mit Niederländischer Malerei des Goldenen Zeitalters. Der Bremer Kaufmann Carl Schünemann hatte seine Sammlung niederländischer Gemälde der Kunsthalle Bremen geschenkt,  jetzt wurden die 32 Ölgemälde zum ersten Mal ausgestellt. Endlich, und man kann hoffen, dass sie einen Stammplatz bekommen! Eine Frau in einem weißen Seidenkleid, man sieht förmlich, wie es knistert. Ein Blumenkorb, darin auch gestreifte Tulpen, Spekulationsobjekt für Verrückte.


Juli 2018

Wespen

Kaum hat man sich gesetzt, kommen sie angeschwirrt, die Wespen. Echt nervig. Neulich habe ich eine dabei beobachtet, wie sie sich ein Riesenstück Schinken vom Schinkenbrot absäbelte. Ich wollte das natürlich nicht beobachten, aber ich musste, denn jedesmal, wenn ich die Wespe wegwedelte, kam sie bald darauf zurück und suchte die angesäbelte Stelle am Schinken, und während sie suchte, summte sie an meinem Ohr herum und flitzte vor meinen Augen hin und her. Irgendwann wedelte ich nicht mehr und guckte nur noch. Wenn sie irgendwo sitzt und arbeitet, dann weiß ich wenigstens, worauf ich aufpassen muss. Das ist doch zwei Quadratmillimeter Schinken wert, oder? Ist ja auch interessant. Oder? Ob die Wespe wohl wusste, dass sie beobachtet wird? War es ihr egal? Hat sie eigentlich auch mich beobachtet?

Bodo Kirchhoff, Dämmer und Aufruhr

Dämmer und Aufruhr nennt Kirchhoff seinen Roman der frühen Jahre, eine dichterische Autobiographie sozusagen. Bewunderswert, wie er darüber schreibt, wie ein Lehrer im Internat ihn, ja, verführt. Kirchhoff fängt die sinnliche Spannung ein: Es ist klar, dass der Junge missbraucht wird, aber das Buch versenkt ihn nicht in einer Opferhaltung: Der Lehrer sah aus wie Winnetou. Gehört zum Besten, was ich zu solchen Themen gelesen habe.

Eigentlich aber handelt das Buch von seiner Mutter. Kirchhoff schreibt, inzwischen etwa 70 Jahre alt, über Besuche bei seiner alten Mutter, er beschreibt seine Recherche für das Buch - Urlaub in einem Hotel, in dem auch seine Eltern Urlaub gemacht hatten - und er beschreibt, dies einigermaßen chronologisch, seine eigene Kindheit und Jugend bis zum Buchvertrag - wie auch andere, die im Schreiben groß wurden, etwa Deborah Feldman in Unorthodox.

Hello World

Hello World ist ein ulkiger Titel für eine Ausstellung, es ist wohl eine politische Botschaft: Die Sammlung des Museums Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin, der Nationalgalerie, ist vorwiegend westlich orientiert, und wie sähe sie aus, wenn ein weltoffeneres Verständnis ihren Kunstbegriff und ihre Entstehung geprägt hätte?, diese Frage versuchen 13 interne und externe Kuratoren zu beantworten. Das Ganze ist etwas erratisch, aber voll interessanter Einzelheiten. Schräge die alte Band Laibach, die im Jahr 1984 Gründungsmitglied des interdisziplinären Kunstkollektivs Neue Slowenische Kunst wurde, und bei der ich nie so richtig weiß, wie ernst sie das faschistoide Auftreten eigentlich meint. Die Ausstellung läuft von Ende April bis Ende August 2018.

Gemixte, verwirrende Realitäten

Kubus, Kunstmuseum Stuttgart, tolle Ausstellung noch bis zum 26. August 2018. Augmented und virtual reality in der Kunst, gleich beim Reinkommen ein ulkiger Reiter, eine Skulptur auf einem Sockel, aber sein Schatten sieht anders aus als er selbst, in einigen verwirrenden Details: Hat er Sporen oder nicht? Zügel oder nicht? Und was für eine Waffe ist das denn nun? An den Wänden große rot-grüne Bilder, die dreidimensional werden, wenn man eine der ausliegenden Brillen aufsetzt. Aber am Tollsten sind die Räume, in denen man eine VR-Brille aufsetzt und einen Controller in die Hand nimmt: Plötzlich meint man in einer ganz anderen Umgebung zu stehen, und man kann sein eigenes virtuelles Ich hierhin und dahin beamen. Man steht in einem unwirtlichen Gebäude voll Wasserlachen und Becken und Stufen, oder in einer Wüste, aus der wie Kakteen Arme wachsen, bei einem Klick wächst ein neuer Arm, drückt man länger, wächst er schier ins Unermessliche. Gerade richtig für einen unerträglichen heißen Nachmittag.

Tot oder auch nicht

Das medizinhistorische Museum der Charité in Berlin zeigt von Ende April bis Mitte November 2018 die Sonderausstellung "Scheintot – Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden". Um 1800 herum begannen manche Ärzte und Naturwissenschaftler, an der Sicherheit und Feststellbarkeit des Todes zu zweifeln. Sie schlugen allerhand Methoden vor, um Sicherheit zu gewinnen: Ein Glöckchen im Sarg installieren. Oder mit der Beerdigung warten, bis der Tote fault. Diese Ausstellung ist genau richtig, wenn man an einem unerträglichen heißen Nachmittag Schwindel fühlen will...


Juni 2018

Irrlichter

Johannistag, Sommersonnenwende, Sommeranfang: Alles jetzt im Juni. Und pünktlich schwärmen Glühwürmchen aus, Kleine Leuchtkäfer, verwirren den Geist und entzücken die Seele, hoppla, bin ich Trichtomist, das wäre ja peinlich, nein, lieber nicht... Also, Glühwürmchen, wer jetzt ein bisschen Glück hat, kann sie in warmen Nächten entdecken und verzückt die kleinen weißlich leuchtenden Punkte betrachten, die durch das Dunkel schweben. Wer dagegen Pech hat, denkt nur, der Punkt sei ein Glühwürmchen, aber in Wahrheit sieht er die glimmenden Zigarette eines Mörders, der im Schutze der Dunkelheit aufs nächste Opfer lauert... Dieser Gedanke wäre womöglich der letzte Gedanke des Irrlicht-Suchers. Ach nein, das wird mir alles mir zu unheimlich. Ich breche lieber ab.

Altes Land

Tolles Buch: Altes Land von Dörte Hansen, ich habe es begeistert gelesen und schon zweimal weiterverschenkt.


Mai 2018

Gratis in die Staatsgalerie!

Juhu, Kunst für umsonst: Die Staatsgalerie Stuttgart wird 175 Jahre alt. Ein stolzes Alter: Die kleine Hexe kommt auf grad mal 127 Jahre. Die kleine Hexe hext. Die Staatsgalerie feiert und lädt uns ein: Eintritt frei für die Ausstellung "#meinMuseum - 175 Jahre Staatsgalerie", also für fast alles. Das Angebot gilt vom 1. Mai bis zum 28. August 2018. Nix wie hin!


April 2018

Jeanette Winterson

Orangen sind nicht die einzige Frucht erschien im Jahr 1985, und Warum glücklich, statt einfach nur normal? im Jahr 2011. Beide Bücher haben einen autobiografischen Anteil, das ältere weniger, das neuere mehr. Die Autorin erzählt, wie sie als adoptiertes Mädchen in einer christlichen, man könnte auch sagen fundamentalistischen Familie mit einer aggressiven Mutter aufwuchs. Beim ersten Buch war die Autorin 25, beim zweiten 52 Jahre alt. Die erste Fassung der Geschichte ihres Lebens, so möchte ich es nennen, war die Geschichte, die sie ertragen konnte, die zweite Fassung die Geschichte, die sie mit ihrer Lebenserfahrung reflektiert. Ich glaube, jeder Mensch, der in so einer Familie aufwuchs, erkennt nur zu viel wieder: Warnungen vor dem männlichen Geschlecht, aber ohne Erklärungen; die allzeit dräuende Apokalypse, die Angst vor dem Glück. Und ich wünsche jedem den Mut zum Wunsch, einfach nur weg zu gehen. Und dann, wenn es nötig ist, die Kraft und das Durchhaltevermögen. Winterson ging. Nach Jahren kehrte sie einmal zurück und fand sich in einer Art Club wieder: Geschminkt, beachtet. Und ihr wurde klar: Selbst wenn sie in der Gemeinde geblieben wäre: Auch dann hätte sie eines Tages geschminkt und beachtet in dieser Bar gestanden. Sie war nicht der Mensch für ein verhuschtes Leben.

Die Maus im Haus von G.

Zu Weihnachten nistete sich eine Mäusefamilie ein und baute sich ein Nest unter dem Dach. Sie nagte das Marzipan an und wurde vertrieben. Zu Ostern kam ein Eichhörnchen. Es war allein und tanzte auf dem Fernseher.

Warum das alles?


März 2018

Der Meister von Messkirch

Staatsgalerie Stuttgart: Am letzten Tag noch den Meister von Messkirch bewundert, fast angebetet. Ein wunderschöner Tag - wer ist so verrückt und geht bei strahlendem Sonnenschein ins Museum; außerdem war Ostermontag, die Staatsgalerie ist montags eigentlich geschlossen, und die Feiertagsöffnungszeiten muss man sich umständlich herunterladen.  – Und so war es nicht zu voll. Die Ausstellung war großartig. Wer dieser Meister von Messkirch eigentlich war, weiß man gar nicht. Aber er hat die katholische Kirche gegen die Reformation unterstützt, darum begann die Ausstellung auch im Reformationsjahr 2017. Der Meister hinterließ viele Tafelbilder und Zeichnungen, die inzwischen in Museen und Privatsammlungen Europas und der USA zerstreut sind. Die Ausstellung zeigte Bilder des Meisters neben solchen protestantischer Zeitgenossen: Wer durfte malen, wer nicht? Was wurde im Katholizismus gestattet, was im Protestantismus? Und kann man überhaupt nach katholischer und protestantischer Lehre unterscheiden?

art KARLSRUHE 2018

Der Besuch hat sich gelohnt. Nachmittags wird es sehr voll, man sollte möglichst früh hin. Ich mochte die begehbare Teekanne von Joana Vasconcelos - die hat auch einen Preis bekommen, den Loth Skulpturenpreis der diesjährigen art KARLSRUHE - das Bild von den zwei Jungen, einer mit Wolfskopf, der andere mit Krokodilkopf, von Sarah Mcrae Morton, die zarten und hintergründigen Wachsbilder der Frauen, die Raketen, die Autos zerschmettern (oder die Autos, die von Raketen zerschmettert werden?), ach, so viel Tolles, Interessantes, Nachdenklichmachendes!

Andreas Pflüger, Niemals

Der zweite Teil der Trilogie um die blinde Ermittlerin Jenny Aaron. (Für den ersten Teil "Endgültig" siehe unten.) Ach, so eine tolle Heldin, die einfach alles kann! Außer sehen. Und die sich dabei auch noch seelisch weiterentwickelt. Ich schmelze dahin. Was für ein Vorbild…

Stuttgarter Kriminächte 2018

Pflüger las bei den Stuttgarter Kriminächten, und dort bekam er auch den Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres, dotiert mit 3.000 € (gestiftet von der HypoVereinsbank), Glückwunsch! Die Kriminächte waren auch dies Jahr wieder richtig toll. Alle Besucher haben überlebt, zumindest wüsste ich nichts Gegenteiliges zu berichten. Das Futter für die Leseratten reicht hoffentlich eine Weile. Und wir freuen uns auf nächste Jahr!


Februar 2018

Patrick Angus, Private Show

Noch bis zum 8. April läuft im Kunstmuseum Stuttgart, dem Kubus, diese spannende Ausstellung. Angus war ein schwuler Künstler, einer der ersten, die schwules Leben, die New Yorker Szene der 1980er Jahre darstellten. Viele Bilder sind melancholisch, einige intim, manche wie ein Schlag ins Gesicht. Ein schwuler Pfarrer im Arbeitszimmer, er ist Vater eines Sohnes - hatte er sein Coming-Out erst später? Junge Männer entblößen sich auf einer Bühne, ältere Männer schauen zu, einige aus dem Halbschatten. Verwirrend: Warum tragen so viele Männer weiße Socken???

Technoseum

Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim; nichts ist spannender als Technik, schreiben die Macher auf dem Faltblatt, und wirklich, es ist oberspannend. Und macht Spaß. In diesem Museum kann man gucken, lesen, machen und tun. Zum Beispiel Reaktionen probieren. Sich vor eine Scheibe mit Lampen stellen, die nach einem Zufallsprinzip aufleuchten. Man muss so schnell wie möglich draufhauen - wer schafft am meisten in der Zeit? Phänomene aus der Tier- und Pflanzenwelt werden erklärt und man sieht, wie Techniker und Ingenieure davon lernen, von der Beschaffenheit der Haut eines Haifisches etwa. Ideal für Kinder, die werden ihren Spaß haben.


Januar 2018

Lieblingsbücher zum Thema Journalismus/Schreiben

Ein paar Bücher über Journalismus und Schreiben, vor Jahren gekauft, jetzt sind sie mir wieder in die Hände gefallen. Sie begeistern mich nach wie vor: The New New Journalism: Conversations with America's Best Nonfiction Writers von Their Craft von Robert S. Boynton. Literary Journalism: A New Collection of the Best American Nonfiction von Norman Sims und Mark Kramer. Telling True Stories: A Nonfiction Writers' Guide from the Nieman Foundation at Harvard University von Mark Kramer und Wendy Call. The Art of the Personal Essay: An Anthology from the Classical Era to the Present von Phillip Lopate.


November 2017

Anita Rée in der Hamburger Kunsthalle

Noch bis zum 4. Februar 2018 zeigt die Kunsthalle eine Retrospektive von Anita Rée. Viele unbekannte Werke sind dabei: Ich kannte ihre etwas schwermütigen Frauenbildnisse, aber bestimmt nicht die Fabelwesen - schräge Tiere! Eine Mischung aus Pferden und Windhunden, und mit Tupfen. Und dass diese Frau, die sich mit nicht einmal 50 Jahren das Leben genommen hat, einen Schrank mit umherturnenden Affen bemalt hat, überrascht mich auch. Rée war eine der ersten erfolgreichen Künstlerinnen, zwischen 1904 und 1910 nahm sie Malunterricht bei dem Hamburger Impressionisten Arthur Siebelist, und zwar in Hittfeld - dieser Ort verfolgt mich - danach arbeitete sie in Paris, Süditalien und dann wieder in Hamburg. Die Kunsthalle zeigt ungefähr 200 Werke in thematisch gegliederten Räumen: Die Fabelwesen findet man in "Ferne Paradiese"; im Raum "Herrenporträts und Frauenbilder" (ist dieser Titel etwa unfeministisch?) weisen die Bildnisse in die Neue Sachlichkeit; "Letzte Werke" sind auf Sylt entstanden, wo Rée Aquarelle der kargen Küstenlandschaft mit ein paar einsamen Schafen gemalt hat, aber auch Portraits ihrer guten Freundin, die vor Lachen geradezu zu explodieren scheint. Tolle Ausstellung, unbedingt sehen!

Wer keine Kunst mag und sich trotzdem (warum nur?) in der Kunsthalle wiederfindet, dem sei ein Besuch bei der Tropfsteinmaschine empfohlen. Allen anderen auch.

Religion und Revolution

... oder zumindest Revolutionäres: Das Mädchen Wadjda will den Koran Rezitations-Wettbewerb ihrer Schule gewinnen und mit dem Preisgeld ein grünes Fahrrad kaufen. Dumm nur, dass dies für eine Zehnjährige in Saudi-Arbien nicht so einfach ist. Außerdem lebt sie in einem bigotten Umfeld: Ihr Vater verlässt ihre Mutter, ihre Lehrerin lebt auch nicht gerade fromm, tut aber so, als ob. Wadjda gewinnt den Wettbewerb - weil sie von ihrer Mutter lernt, dass die Rezitation des Korans von Herzen kommen muss. Mustang erzählt die Geschichte von fünf Waisenmädchen, die bei ihrer Großmutter und einem bösen Onkel in einem einsamen türkischen Dorf aufwachsen. Eine verbitterte Nachbarin verbreitet Gerüchte über sie, die Großmutter gerät in Panik und will sie zwangsverheiraten. Es gelingt ihr nicht bei allen - und die einzige Ehe, die glücklich zu werden verspricht, ist die der ältesten Schwester: Sie setzt durch, dass sie den Mann heiraten darf, den sie liebt, mit dem sie schon schläft - und nur im Zusammenhang mit dieser Ehe wird der Name Allahs ausgesprochen, als nämlich die Eltern des geliebten Mannes bei der Großmutter um des Mädchens Hand für ihren Sohn anhalten. Kinshasa Symphony dokumentiert ein klassisches Orchester im Kongo, es gehört zur Kimbanguistenkirche oder steht ihr zunmindest nahe. Der Chef baut mit schier unendlichem Engagement ein Orchester im Kongo auf, zersägt etwa sein eigenes Cello, um nach diesem Muster neue Celli zu bauen. Es gelingt ein wunderbares Konzert. Immer wieder Filme, in denen Religion den Gläubigen Kraft gibt. Und manchmal ganz besonders denen, die ausgetretene Wege verlassen.


Oktober 2017

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege

Dies Buch hatte ich mit Spannung erwartet, vielleicht zu viel. Ein gutes Buch, ich habe es recht gern gelesen, aber im Vergleich zu den beiden ersten finde ich es doch etwas langweilig: Nino farblos, Elena und Lila oberflächlich. Was in der Politik passiert, hätte mich mehr interessiert als die Fülle von Elenas Gedanken; ihre Selbstzweifel haben mich nicht mehr überzeugt. Aber ihr Durchhaltevermögen, immer wieder mit dem Schreiben neu anzufangen, das hat mir imponiert.

Richard Löwenherz in Speyer

Spannende Sonderausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer: Richard Löwenherz: König - Ritter - Gefangener. Handschriften, Waffen, Kunst, Reliquiare - eigentlich eher wenig Exponate, wenn man es genau betrachtet. Aber viel Multimedia und sehr informativ. Das Museum ist voll, viele Besucher sind da, auch viele Kinder.


So, und ab jetzt mit Datum: September 2017

Ein paar Bücher...

Immer so ein unfertiges Gefühl, wenn ich ein Buch liegen lasse. Aber manchmal mag ich einfach nicht weiter lesen. Die letzten Bücher, die dieses Schicksal ereilt hat, waren Opfer von Cathi Unsworth, Eine Hochzeit im Dezember von Anita Shreve und Schattenboxer von Horst Eckert. Toll war dagegen Tender Bar von J. R. Moehringer. Ein Junge, dessen Vater fast nie auftaucht - "vaterlos" gibt es, warum nicht "vaterarm"? - geht schon als Kind regelmäßig in eine Bar, dort hat er Männer als Gegenüber. Er wächst. Als Erwachsener wird er Journalist und Schriftsteller. Und obwohl er in Yale studierte und mit einer extrem klugen und attraktiven Frau zusammen war - wirklich erwachsen ist er erst dann, als er ein Buch über die Bar schreiben kann. Das Buch ist so liebevoll wie die Männer in der Bar, und das ist nicht ironisch gemeint. Auch toll war Envoyée Spéciale von Jean Echenoz. Ein subtil durchgeknallter Agentenroman über eine Frau, die ständig neben sich zu stehen scheint, und die völlig überraschend von einem abgehalfterten Geheimdienstmann gleichsam eingefangen wird, um, tja, um einen Spezialauftrag zu erfüllen. Zum Schreien komisch!

Fledermaus im Schwimmbad

Das Paracelsusbad in Reinickendorf ist klein, nett, altmodisch. Was macht da eine Fledermaus? Keine Ahnung. Sie krabbelt in der Damendusche über die Fliesen, stracks auf mich zu. Hält sie mich für einen Baum? Zwei Bademeister kommen mit Handtüchern herbei, ganz vorsichtig retten sie das Tier. Besser nicht anfasssen, Fledermäuse können Tollwut übertragen. Bei Füchsen und so ist sie ausgerottet, aber die Flattertiere kann man nicht kontrollieren. War trotzdem ein netter Besuch.

Piepmatz auf dem Fensterbrett

Sommer. Vogelküken werden flügge. Theater bei den Hausrotschwänzen, Spatzen, Turmfalken, Drosseln. Alle sind aufgeregt, denn Fliegen lernen ist nicht einfach. Neulich fliegt eine kleine Amsel auf mein Fensterbrett, sie hat noch ein paar helle Flaumfedern am Kopf und ihr Schwanz ist auch noch nicht so lang wie bei einer erwachsenen Amsel. Nun sitzt sie da draußen und guckt und tschilpt. Ich sitze drinnen und gucke und tschilpe zurück. Plötzlich wendet sie ihren Blick ab, was ist da? Die Mama! Mit einem Käfer im Schnabel. Misstrauisch äugt die Alte durchs Fenster hinein. Die Kleine sperrt ihren Schnabel auf, die Große stopft den Käfer rein. Lecker! Aber nicht genug. Die Mama fliegt wieder weg, die Kleine tschilpt weiter. So eine Nervensäge. Aber was soll man machen. Wieder und wieder kommt die Mama herbeigeflogen und stopft dem verflogenen Nachwuchs den Schnabel. Und der breitet, ohne Vorwarnung, plötzlich die Flügel aus und flattert auf den nächsten Baum.

Lezanne Clannachan, Jellybird

Jessica ist Schmuckdesignerin, glücklich verheiratet. Plötzlich begegnet ihr die aufregende Libby. Jessica wirft sich in diese Freundschaft, und plötzlich passt in ihrem Leben nichts mehr richtig. Dann entdeckt sie auch noch eine alte Postkarte und wird in ihre Vergangenheit zurück gerissen: Was wurde aus ihrer ersten Liebe? Und was stimmt mit Libby nicht? Ich habe den Roman von Lezanne Clannachan verschlungen. Man merkt zwar manchmal, finde ich, dass es ein Erstling ist, gelegentlich sind die Figuren mit ihren Handlungen nicht ganz überzeugend. Trotzdem bleibt es immer spannend. Ich las die 422 Seiten auf Englisch in Nullkommanichts! Ich bin gespannt auf Clannachans nächstes Buch. Nur: War wirklich der Geständige der Mörder? Ich hatte, vor allem am Schluss, jemand anderen in Verdacht. Hm.

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin und Die Geschichte eines neuen Namens

Zwei Freundinnen. Erst Kinder, dann Jugendliche, schließlich Erwachsene. Eine Beziehung voll Verständnis und Unterstützung einerseits, Rivalität andererseits. Freundschaft ist ein Thema, das mich in vielen Büchern interessiert. Wenn ich ein Buch lese, kommt es vor, dass ich es unter diesem Aspekt lese, auch wenn es gar nicht das eigentliche Thema ist, wie zum Beispiel bei Harry Potter. Aber, man sollte es nicht glauben, aber ganz offensichtlich ist diese von Ferrantes erdichtete Freundschaft zwischen zwei Mädchen ein Thema, welches die ganze lesende Welt fesselt. Zwei Themen, für die man doch keine weltweite Begeisterung erwarten würde! Freundschaft! Mädchen! Und das geschieht nicht zum ersten Mal: Hatte nicht Stephen King über Carrie gesagt, ach, wen interessierten schon die Menstruationsprobleme eines jungen Mädchens?, und dann wurde es doch ein Bestseller. Vive la femme!

Cranach in Düsseldorf

April bis Juli 2017, die Cranach-Ausstellung in Düsseldorf "Meister - Marke - Moderne" war toll. Super. Aber wie war das mit dem Lapuslazuli? Laut dem Dokumentarfilm hat der Künstler in Antwerpen einige Gramm gekauft, laut Texttafel hat er nach einer Reise dahin damit gemalt, was nahelege, dass er dort gekauft hat. Jau, wie sicher isses denn nun? Aber egal, das ist eine Nebensächlichkeit. Und die Texte lohnen sich auch, wer weiß schon, dass Luther und Cranach einander gegenseitig zu Taufpaten ihrer Kinder eingesetzt hatten?! Und wie wichtig Cranach als Maler der Reformation gewesen war?! Und, ganz wichtig: Der Spanische Mandelkuchen im Museumscafé ist göttlich... (Nachtrag)

RAF in Essen

Juni bis August 2017, man muss schlucken bei der Foto-Ausstellung Arwed Messmer. RAF - No Evicence / Kein Beweis mit über 150 Fotos. Jeder kennt die Fotos von Schleyer mit dem Plakat, vom sterbenden Benno Ohnesorg, die Fahndungsplakate. In dieser Ausstellung werden mehr Fotos gezeigt und mit anderen Bildausschnitten. Danach fragte ich mich: Was sehe ich, was weiß ich eigentlich? - Bemerkenswerte Folge einer Ausstellung! (Nachtrag)

Lynn Povich, The Good Girls Revolt

Großartig! Das US-amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek hat eine lange Tradition, es wurde schon in den 1930er Jahren gegründet. Es hat aber auch eine lange Tradition in der Benachteiligung von Frauen! In den 1960ern bekamen Bewerberinnen zu hören: Wenn Sie schreiben wollen, dann gehen Sie woanders hin. Bei der Wochenzeitschrift durften sie "nur" recherchieren, und, natürlich, den Männern zuarbeiten. Lynn Povich beschreibt, wie sie mit einer Gruppe Mitarbeiterinnen Klage erhoben - und gewonnen hat. Bemerkenswert auch, wie unterschiedlich die Folgen für die einzelnen Frauen waren. Nicht alle wurden damit glücklich, und sie haben auch nicht alle profitiert. Wer in der ersten Reihe steht, kann oft die Früchte seines Tuns nicht ernten. Bei Newsweek hat sich viel geändert, und zwar zum Guten - aber, so erzählt der Prolog: Noch heute werden Frauen bei Newsweek benachteiligt. Es bleibt viel zu tun. Äußerst spannend!

Amsterdam

Hören
Sonntag abend, Concertgebouw, von kurzen Hosen bis zum schickem Kleid ist alles da. Ronald Brautigam am Klavier und die Kölner Akademie unter der Leitung von Michael Alexander Willens spielen Mozart und Beethoven. Brautigam spielt perlend, aber er könnte manchmal eine Fermate setzen. Oder der Dirigent. Außerdem haben die Hörner manchmal das Klavier übertönt. Aber das lag vielleicht daran, dass historische Instrumente eine andere Akustik haben. Und vielleicht auch am Sitzplatz HINTER dem Orchester. Egal, wann kann man schon dem Pianisten auf die Finger und dem Dirigenten ins Gesicht gucken? Und Mozart und, noch seltener, Beethoven auf historischen Instrumenten genießen? Hat sich in jedem Fall gelohnt!
Sehen
Das Reichsmuseum zeigt niederländische (Kunst-)Geschichte vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Zu einigen Bildern (ungefähr eines pro Raum) gibt es DinA4-Zettel mit Erklärungen auf Niederländisch und Englisch, "see more" steht auf der einen Seite, dort ist das Bild noch einmal abgebildet, einige Details sind hervorgehoben und werden erklärt. Auf der Rückseite, "learn more", werden historische und politische Hintergründe erläutert. Toll und spannend, und man guckt viel genauer hin.
Das Van Gogh Museum hat die größte Sammlung von Werken Vincent van Goghs, darunter "Meisterwerke wie 'Die Kartoffelesser', die 'Sonnenblumen', die 'Mandelblüten' und 'Der Sämann'", heißt es auf der Website des Museums. Die Kartoffelesser haben mir nicht gefallen, zu düster, außerdem mag ich Kartoffeln nicht so gern, und warum wollte van Gogh eigentlich aufs Land? Ich verstehe nicht, was ihn am Landleben faszinierte. Ich bin da groß geworden und muss es wissen: stinklangweilig! Die Landschaft in der Sonne, ok, aber mir ist jedes bisschen Gartenarbeit zu viel. Vielleicht mag ich deswegen van Gogh und seine Sonnenblumen so gern? Sonnenblumen machen keine Arbeit, und billig sind sie auch. Als mein Eltern (Jahrgang 1922 bzw. 1923) nach dem Krieg die erste gemeinsame Wohnung hatten, säte meine Mutter Sonnenblumenkerne in die Blumentöpfe auf dem Balkon, weil sie für anderes kein Geld hatte.
Im Rembrandthaus hat Rembrandt Jahrzehnte lang gelebt. Es wurde zum Teil originalgetreu rekonstruiert, soweit man das wissen kann, und wenn man die Betten anguckt, fragt man sich, ob die Menschen damals winzig waren oder ob sie zusammengefaltet wurden, bevor sie sich schlafen legten. Rembrandt hatte viele Schüler, einige konnten bei ihm arbeiten, ganz oben im Haus wurden Kabinen mit einer Art Spanischen Wand abgeteilt, so hatten sie ein bisschen Ruhe. Ausgestellt werden Radierungen und Stiche, wunderbar.
Lesen
American Book Center, ein Riesengeschäft mit amerikanischen Büchern: Gut sortiert und tolle Auswahl! Massenweise Krimis, Bücher über Musiker, schräge Outdoorbücher, Bücher über das Bücherschreiben, Autobiografien und Biografien, Wissenschaft... kurz: alles, was das Herz begehrt. Man kann hier Stunden verbringen! Familienbetrieb. Freundliche Leute. Irgendjemand packt im 2. OG einen Haufen Bücher in seinen Rucksack. Ich sehe es nicht, es wird mir nur erzählt. Bescheid sagen? Dabei bekommen Menschen 55+ Montags 50 Prozent Rabatt!!! Ich muss noch etwas warten, hab trotzdem eingekauft, wenn auch nicht so reichlich, wie ich es gewünscht hätte - wer hat schon ein Portemonnaie, dick genug für alle Bücher, die er will? Autoren ohne Verlag können hier übrigens ihre eigenen Bücher machen, dank Betty!
Bewegen
Fahrrad leihen (5 bis 10 Euro pro Tag) und glücklich sein! Die Holländer sind alle schlank, was Wunder, Autos sieht man selten, jeder radelt auf seinem Omafiets.

Endgültig von Andreas Pflüger

Wie Blinde sich mit ihrem Gehör, per Klicksonar, zurecht finden, wollte ich wissen, seit ich vor ein paar Jahren eine Reportage im Stern (oder so) las. Andreas Pflüger hat mit "Endgültig" einen Krimi über eine erblindete Ermittlerin geschrieben, die das und noch viel mehr in Perfektion beherrscht. Eine Art Lara Croft: Jenny Aaron war bei einer Sondereinheit der Polizei gewesen. Ein Einsatz endete in einer Katastrophe, sie verlor ihr Augenlicht. Sie lernte alles neu und noch mehr dazu und wurde Vernehmungsspezialistin beim BKA. Nun geht sie einem scheinbar neuen Fall nach und es stellt sich heraus, dass er mit der Katastrophe von damals verwoben ist. Sie muss erspüren, wer Freund ist, wer Feind und braucht all ihre Fähigkeiten. Wurde bei den Stuttgarter Kriminächten 2017 vorgestellt und ist sehr, sehr spannend!

Le rapport de Brodeck von Philippe Claudel

Brodeck ist nichts, oder wie nichts, "je n´y suis pour rien", so stellt er sich vor im Roman von Philippe Claudel. Er lebt in einem abgelegenen Dorf, wohl im Elsass, vielleicht auch Osteuropa, er kam als Kind mit seiner Amme dorthin. Er war klug, die Dörfler ermöglichten ihm ein Studium in der Stadt, jede Woche sammelten sie für ihn, aber denn kommt der Krieg und verjagt Brodeck. In der Stadt hatte er die Liebe seines Lebens gefunden, sie gehen zusammen ins Dorf. Aber der Krieg lässt ihn auch dort nicht in Ruhe, Soldaten kommen, fragen nach Fremden, er wird denunziert und ins KZ verschleppt. Während er fort ist, vergewaltigen und schwängern Soldaten und Dörfler seine Frau, als die drei junge Frauen vor ihnen retten will. Als Brodeck zurückkehrt, liebt er das dadurch entstandene kleine Mädchen dennoch. Aber seine Frau ist nie mehr dieselbe. Ein geheimnisvoller Fremder lässte sich im Dorf nieder. Er ist wohl genährt und trägt wertvolle Kleidung, hat wertvolle Pfanzenbestimmungsbücher und redet nur mit seinem Pferd und seinem Esel. Eines Tages veranstaltet er ein Fest und lädt die Dörfler ein. Da schenkt er ihnen Zeichnungen, er hatte sie heimlich portraitiert. Dabei hat er ihr Innerstes so genau getroffen, dass sie ihn von nun an hassen und fürchten. Erst ersäufen sie seine Tiere. Von da an klagt der Fremde jede Nacht "assassins ... assassins!", "Mörder ... Mörder!" Schließlich erstechen sie auch ihn, die Männer des Dorfes, alle gemeinsam. Außer Brodeck. Dieser gerät zufällig an den Schauplatz des Verbrechens. Und die Dörfler beauftragen ihn, einen Bericht darüber zu schreiben: Er könne mit Worten umgehen, er habe eine Schreibmaschine. Er schreibt. Er schreibt die Geschichte des Fremden. Aber er schreibt auch seine eigene Geschichte. Die Dörfler nerven ihn. Er, ab und zu, wehrt sich. Schließlich ist er fertig.Der Bürgermeister liest den Bericht - und vernichtet ihn. Brodeck ist anders und wird dafür immer wieder ausgestoßen und verraten. Aber dabei bleibt es nicht: Er flieht. Brodek, der oft so schwach schien, nimmt im Schutz der Dunkelheit seine Frau, das kleine Mädchen und die alte Amme und trägt sie davon. Nur ein Hund läuft ihnen eine Zeitlang voraus. Am Schluss schreibt er noch einmal: Er sei ein Nichts. "Bitte, erinnert Euch."
Er ist kein Nichts geblieben.

Madrid

Herrlich. Großartige Museen, freundliche Menschen, eine schöne Stadt, ein bisschen wie Paris, aber auch härter und klarer.  Prado, herrlich. Museum Königin Sofia, großartig. Museum Thyssen-Bornemisza, wunderbar.

Stühle im Theater: Moliere in der Volksbühne ist unbequem

Volksbühne, Molière, bei der Gelegenheit Glückwunsch an den König für den Silbernen Bären. Warum eigentlich sind die Sitzflächen der Stühle in der Volksbühne so hart? Und warum biegen sich die Lehnen so unheimlich weit nach hinten? Hat schon mal jemand beim Zurücklehnen seine Stuhllehne abgebrochen? 5 1/4 Stunden Casdorf sind echt anstrengend, wenn man sich nicht getraut, sich zurückzulehnen. War aber trotzdem toll.

Krimis, Nicht-Krimis

Alle Krimis ausgelesen. Was nun? Noch mal Mankell. Und wieder grübeln: Mag ich den nun oder mag ich den nicht? Eigentlich ist ja grad Le Rapport de M. Brodeck von Philippe Claudel dran. Vor ein paar Monaten vom selben Autor Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung, übersetzt von Christiane Seiler. Das war rührend und traurig und schön. Brodeck ist mir noch ein Rätsel.

Wichtiges Thema, nervige Ausstellung: Das DHM über Kolonialismus

Noch bis zum 17. Mai 2017 läuft im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart. Die Ausstellung will "die koloniale Ideologie offen [legen], die von einem europäischen Überlegenheitsdenken geprägt war." Texte gibt es in deutscher und englischer Sprache, und "die Hauptinformationen" auch in Braille, in Leichter Sprache sowie als Gebärdenvideo.
Aber: Die koloniale Ideologie nicht nur offengelegt, sondern ihre Abscheulichkeit wird dem Besucher mit dem Holzhammer eingetrichtert. Das gilt vor allem für viele Informationen in Leichter Sprache: Forscher haben in den Kolonion Tiere und Pflanzen benannt, heißt es in der Ausstellung. Und weil in Europa alle Pflanzen und Tiere lateinische Namen haben, bekamen auch jene, die sie in den Kolonien fanden, lateinische Namen. "Die Forscher fragten die Menschen in den Kolonien nicht, wie die Tiere oder Pflanzen dort hießen."
- Ach nee, echt nicht? Woher wollt Ihr das wissen? "Die neuen Namen kamen auch von deutschen Männern." Was heißt das: Dass deutsche Männer lateinische Namen verteilt haben? Oder dass es sich bei den lateinischen Namen um latinisierte Namen deutscher Männer handelte? - Beide Male frage ich: Na und? Auch in Deutschland lebende Tiere und Pflanzen haben lateinische Namen, die erstens jünger als viele volkstümliche Bezeichnungen sind und zweitens oft den Namen des Wissenschaftlers beinhalten, der sie klassifiziert und sein Forschungsergebnis öffentlich gemacht hat. Beim Thema "Rassismus" heißt es "Noch immer denken einige Deutsche: Weiße Menschen sind besser als Schwarze Menschen." - Denken schwarze Deutsche das auch? Und denken nicht-deutsche Weiße das nicht? Schreibt doch: "Noch immer denken einige Weiße ..." Der Ethnologe Otto Finsch wird zitiert, der Einheimischen Gesichtsmasken abnahm und sich wunderte, dass diese, "sogenannte Wilde, von deren Sprache ich auch nicht ein Wort verstand", sich dieses hätten gefallen lassen. Die Ausstellungsmacher bezeichnen Finschs Sicht als abschätzig, aber warum denn bloß? Das Nicht-Verstehen setzt er auf seine Seite; er nennt sie "sogenannte" Wilde.
Also: nervig. Aber trotzdem interessant.

Pilgern: Gute Ausstellung in Köln

Ich? Bin noch nie gepilgert, was Wunder, aber andere Leute pilgern. Und zwar ganz schön viele: Millionen Menschen jedes Jahr. Kostet sie Zeit, Geld Nerven. Aber sie suchen - und viele finden - einen Sinn, wofür auch immer, Erlösung von Sünde und Schuld, Heilung von Krankheit und Gebrechen. Eine Ausstellung in Köln lässt Pilgerer zu Wort kommen und stellt 14 Pilgerorte vor, aus den großen Weltreligionen und unterschiedlichen Erdteilen. Pilgern, nicht nur zur Transzendenz, sondern in Wechselwirkung mit Politik und Wirtschaft, Ökologie und Tourismus. Anstrengende Ausstellung, interessant, gibt viel zu lesen: Man kann locker drei Stunden einplanen. Zum Glück hat das Museum ein Café. Darin kann man nach dem Gucken herumsitzen und nachdenken. Rautenstrauch-Joest-Museum - Kulturen der Welt.

U-Bahn

Jeder guckt aufs Handy. Keiner flirtet, kifft, schlägt, tritt oder so. Nein, nur Handy gucken. Sehr beruhigend. Wie ein Schlafmittel für die Öffentlichkeit.

Januarwetter

Radfahren geht nicht, wenn man so ein Schisser ist. Bestimmt wirds gleich glatt, gleich, sofort, jetzt, sobald ich auf dem Rad sitze und los radele. Dann fällt Schnee, rinnt Regen, gefriert Nässe. Der Radweg ein Spiegel, auf dem ich liege, mit blutigem Ellenbogen und blauen Hüften. Aua.

Arbeiten

Morgens früh raus. Vor den Haustüren stehen die Tagelöhner und frieren. Sie warten auf die Lieferwagen, die sie abholen. Zur Arbeit. Was zahlen sie wohl für ihre Wohnungen? Wie viele Männer teilen sich ein Zimmer? Mit Kohleofen? Nicht schön.

Familienunternehmen

Ein Kaufmann erzählt einem anderen Kaufmann von einem polnischen Unternehmer. In dessen Unternehmen ist jeder mit jedem verwandt. Ist wohl so bei den Polen. Glaubt der Kaufmann. Er sagt: Der Onkel sitzt so da und ... macht so. Aha.

Vortrag halten

Am 12. Januar habe ich im Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen in Lüdenscheid einen Vortrag gehalten: "Mein Großvater, der Antisemit – die Geschichte des Predigers und Kirchenfunktionärs Friedrich Heitmüller (1888-1965)".

Neven du-Mont und Neven-DuMont

Die Familie Neven-DuMont hat im Jahr 2010 manch eine Schlagzeile gemacht. Ist Konstantin eigentlich mit Dietlind verwandt? Also Neven-DuMont mit Neven du-Mont? Dietlind hat nämlich "Das Getüm" und "Ein Getüm kommt selten allein" geschrieben. Und dieses Getüm zerpflückt immer Zeitungen. Außerdem ist die mit Abstand unsympatischste Figur ein aufdringlicher Paparazzo namens Enrico Buzzi. Aber der wird am Schluss nett und schreibt dann nur noch Bücher über Katzen. So eine gewisse Distanz gegenüber Zeitungen... Lässt doch eine Verwandtschaft vermuten, oder? Aber nur vermuten, denn im Redaktionsarchiv MDS findet sich leider nichts dazu.

Briefkästen sprengen

Jugendliche haben Ende Dezember einen Briefkasten in die Luft gesprengt. In Neukölln. Dies fand sogar in Flensburger Medien Erwähnung. In niedersächsischen Dörfern kam dies jedes Silvester vor, ohne dass sich jemand dafür interessiert hätte. Abgesehen natürlich von den Leidtragenden wie etwa dieser Autorin, deren Briefe auch mal explodiert sind.

Die Russen kommen

Guck in die Statistik meiner Homepage. Jeden Monat kommen mich ein paar Hundert Russen besuchen. Warum nur? Egal: Straswutje! Ach, falls jemand dabei ist, der ein Rezept für Blini oder Borschtsch oder beides weiß: info (at) ulrike-heitmueller.de nimmt sachdienliche Hinweise begeistert entgegen!

Wiegenlied

"Müde bin ich, geh zur Ruh,
schließe beide Äuglein zu.
Vater, lass die Augen dein
über meinem Bette sein."
Steht in der Zeit.
Kenn ich, hat meine Mutter früher immer mit mir gebetet, als ich noch klein war. Ich hab mir dann vorgestellt, Gott legt sein Auge auf das Bücherregal über dem Bett. Schließlich hatte der Nachbar mir erzählt: Als er selber klein war, hat sein Vater ein Glasauge auf den Tisch gelegt, wenn er weg musste. Mein Nachbar sollte dann brav sein, denn das Auge würde alles sehen. Das Auge sah aber nix, denn der Junge legte ein Tuch drüber.

Weihnachten

Bald ist Weihnachten. Beim Schlecker in der Hermannstraße sucht eine Frau nach Kaffee aus dem Angebot. "Alles weg", sagt die Verkäuferin, "die Leute ham keen Geld für teure Geschenke. Dann kaufen sie zwei Kaffee, schön einwickeln, nen billichen Weihnachtsmann drauf, sieht immer nobel aus."

Ramadan

Ramadan hat angefangen. Nun kann ich nicht mehr arbeiten. Sind denn alle Leute um mich herum Moslems? - Am späten Nachmittag gehts los: Da wird gekocht, auf dass man nach dem Fastenbrechen gut essen kann. Die Männer rauchen, die Frauen lachen, das Fleisch brutzelt. Die Düfte und Geräusche ziehen durchs Haus und durch den Garten, sie werden hierhin und dahin geweht. Schweben in mein Arbeitszimmer, alle her zu mir, in meine Nase, in mein Hirn, benebeln meine Sinne. Ich sehe nur noch Köfte und Börek, und alle klugen Gedanken, die ich jemals zu Freikirchen, Governance-Analysen oder Hells Angels gehabt hatte: Sie sind weg.

Versumpft

Kann man im Moor versinken? - Wollt ich schon immer mal wissen, sicher bin ich mir bloß, dass es im Moor Irrlicher und Geister und Leichen gibt. Aber versinken? Am 21. Juni 1999 frage ich die ZEIT, wissendes Wochenmagzin aus der Freien und Hansestadt Hamburg. Da bin ich übrigens geboren. Der Redakteur überlegt zehn Jahre. Als er fertig ist, schreibt er: Nein, man kann nicht im Moor versinken! - Da bin ich doch froh. Nur ein ZEIT-Leser nicht. Er ruft mich an und ist empört: Kann man doch, versinken im Moor! Wäre ihm fast mal passiert! - Ist ihm aber nicht passiert, oder? Hat der Redakteur wohl doch Recht. Hat ja auch lang genug nachgedacht.

Ordnungsamt

Joggen im Park. Eine Frau schreit. Spaß? Ernst? Vor mir ein Mann und eine Frau vom Ordnungsamt, mit Hund. Ich spreche sie an: Sie haben nichts gehört. Tja, fliegt auch grad ein Hubschrauber über uns weg. Ich bestehe darauf, dass sie nach dem Rechten schauen. Sie trotten davon. Bei der nächsten Runde treffe ich sie wieder. Wars ernst? Nein - sie hätten nichts gefunden - und ich möge doch bitte beim nächsten Mal selber schauen! Zoff.

Termine: Radio und Bar

Am Freitag, 12. Dezember, erzähle ich zwischen 17 und 18 Uhr auf MotorFM (100,6) irgendwas aus meinem interessanten Leben, und um 21 Uhr lese ich im Froschkönig (Weisestraße 17) eine Geschichte vor.

Texte verwerten

Neulich bring ich den Jungs, den palästinensischen Drogenhändlern, ihren Artikel. Gehört sich so: Sie müssen ja schließlich wissen, was ich über sie in Spiegel Online geschrieben hab. Sie werfen einen skeptischen Blick auf die Überschriften: Warum lassen sich arabische Dealer leichter erwischen? Kurzes Palaver. Schließlich reißen sie sich ein paar Schnipsel ab: Blättchen, und drehen sich daraus einen Joint. So was - ich hab gedacht, die rahmen sich das ein!

Männer im Baum

Vor meinem Fenster wird ein großer Baum beschnitten. Dicht unterm Himmel sitzen fest gebunden zwei Männer, so hoch, dass ich nur noch ihre Seile sehe. Ab und zu segelt ein Zweig, fällt ein Ast an mir vorbei, den ich dann auf den Boden krachen höre. Nun gleitet an einer Schnur ruckelnd ein langer Stab empor. Vorn dran ist eine säbelförmige Säge befestigt. Sie macht auch den entferntesten Trieben den Garaus.

Rocker am Sonntag

Neukölln ist Rocker-Treffpunkt. An jeder Ecke sitzen sie und trinken Kaffee, im gesamten Kiez stolpert man über Harleys. - Am Wochenende renoviert meine Freundin ihre Wohnung. Dritter Stock, Fußboden schleifen. Es klingelt. Vor der Tür hat sich ein Rocker aufgebaut. Er wohnt im vierten Stock: Heute ist Sonntag! Da ist Fußbodenschleifen verboten! Schluss jetzt, oder ich hol die Polizei! - Auch Rocker brauchen ihre Sonntagsruhe.

Mutter mit Kopftuch - Tochter boxt

Deutsche Meisterschaften der Amateurboxerinnen. Tribüne, erste Reihe: eine Türkin mit Kopftuch. Im Ring: eine Türkin ohne Kopftuch. Sie kämpft und gewinnt: Deutsche Meisterin. Da flitzt ein Schnauzbartträger über die Tribüne, zwängt sich durch die Brüstung und hüpft von der Tribüne, die Frau mit Kopftuch hinterher. Beide rennen zur Boxerin, umarmen und küssen sie: stolze Eltern.

Jagender Apotheker

Brauch ne Bürste. Mit Wildschweinborsten. Macht schönes Haar. Wo kaufen? In Wilmersdorf in jedem Laden, in Neukölln ... nirgendwo. Mal in der Apotheke gucken. Der Apotheker, klein, schnauzbärtig, türkisch: "Ham wa nich. Hab aber Wildschweine im Garten. Soll ich ihnen eins schießen?"

Nächtliches Würfelspiel

Im Sommer, eines nachts, es ist lau. Ich wache auf. Irgendwas ist im Hof. Es macht "klickerickerickerick, klackeklackeklack ... plopp". Dann leises Palaver in fremder Sprache. Und wieder: "klickelickelick ... plopp", wieder leise arabische Männerstimmen. Was ist da los??? - Tags ist es zu heiß, darum treffen sich die Neuköllner Araber nachts. Zum Schischa-Rauchen und reden. Und würfeln. Alle in meinem Hinterhof.