Politikwissenschaftlerin, Theologin, Journalistin

BLOG


Oktober 2019

Neue Krimis

Olaf Kühl, Letztes Spiel Berlin. Der Reiseleiter Konrad Mauser ist verschwunden, sein bester Freund Pawel sucht ihn, bald unterstützt von der 17-jährigen Jana. Die CIA hat ihre Hände im Spiel und ist innerlich gespalten. Ein Haufen Loser trottet durch Berlin und sucht die Wahrheit, einige um sie aufzudecken, andere um sie zu verschleiern. Nein, eigentlich bleiben die Verschleierer der Wahrheit sitzen und arbeiten im Hintegrund. - Das Buch ist nicht schlecht, aber etwas wirr, und man muss Loser-Typen mögen oder wenigstens ihnen gegenüber Geduld aufbringen. Ich fand das Buch etwas zäh und nervig, zum Beispiel die häufigen Perspektivenwechsel, und brach es erstmal ab, aber immerhin fand ich es interessant genug, um noch einmal anzufangen - und dann las ich es auch zu Ende. Mittel bis gut.

Rafik Schami, Die geheime Mission des Kardinals. Damaskus, 2010. Noch ist Friede in Syrien. Aber die italienische Botschaft bekommt eine Lieferung: Ein Fass Olivenöl, darin die Leiche eines Kardinals. Kommissar Barudi, einsam und kurz vor der Pensionierung, soll den Fall aufklären, und sein Kollege Mancini aus Rom wird ihm zur Seite gestellt. Die beiden werden Freunde und geraten bei der Recherche in Gefahr. Eigentlich kein richtiger Krimi, sondern eher ein Gesellschaftsroman, verkleidet als Krimi. Shami beschreibt die Arbeit der Polizei, die im ständigen Kleinkrieg mit dem Geheimdienst scheint. Man fängt an, Syrien zu lieben, man gerät ob der Vetternwirtschaft in Verzweiflung, man freut sich über die Tricks der Anständigen. Schami beschreibt Land und Leute manchmal ein bisschen umständlich, aber so warmherzig, dass man das Buch gar nicht mehr zur Seite legen mag, es fesselt durch seine Menschlichkeit. Sehr gutes Buch.

Harry Bingham, Fiona: Das tiefste Grab. Ermittlerin Fiona langweilt sich - ewig keine neue Leiche. Aber dann: Eine Archäologin, enthauptet und drei Speere in der Brust. Und das ist nur der Anfang einer Reihe seltsamer Morde, die alle auf irgendeine Art und Weise auf König Artus weisen. Damit nicht genug: Schließlich wird auch noch sein Schwert Excalibur im Darknet angeboten. Liest sich spannend; und die Besonderheit der Reihe um Fiona, nämlich die Einbettung in Sagen, Kegenden oder auch tatsächliche historische Hintergründe, macht Spaß. Guter Krimi.

Edward Snowden: Permanent Record. Eigentlich, nein: definitiv kein Krimi, sondern eine Autobiographie ooder ein Memoir, aber wahnsinnig spannend. Snowden beschreibt, wie er Computerspezialist wurde und als solcher Geheimnisträger bei NSA und CIA wurde. Er fand heraus, dass die US-Regierung plante, alle digitale Korrespondenz zu verfolgen und zu speichern. Schließlich deckt er das auf uns musste fliehen. Beeindruckender Report. Tolles Buch.


Kultur in Berlin

Sowieso immer wieder großartig: Die Alte Nationalgalerie in Berlin. Gerade besonders toll: Die aktuelle Ausstellung "Kampf um Sichtbarkeit: Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919". Vor genau 100 Jahren konnten die ersten Frauen ihr reguläres Kunststudium an der Berliner Kunstakademie aufnehmen. Das ist derAnlass für diese Ausstellung. Sie zeigt 83 Werke von 33 Malerinnen und 10 Bildhauerinnen, die es in die Sammlung der Nationalgalerie geschafft haben. Alle sehenswert! Und die Begleittexte sind lesenswert. Die Frauen fanden ganz unterschiedliche Wege zur Anerkennung. So gelang es Vilma Parlaghy, Kaiser Wilhelm II als Förderer zu gewinnen. Dorothea Therbusch wiederum wurde an der Pariser Académie Royale zunächst abgelehnt: Ihr eingereichtes Bild sei so gut, es könne nicht von einer Frau stammen. Sie schaffte es dennoch nach Paris - ebenso wie an die Akademie der bildenden Künste in Wien, wo sie als erste Frau überhaupt ihr Studium aufnahm. Hut ab!


August / September 2019

Neue Krimis

Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde, ist der erste Fall der Kunstdetektei von Schleewitz: Das berühmte Gemälde "Der Turm der Blauen Pferde" von Franz Marc war erst von den Nazis als entartete Kunst bezeichnet worden, dann hat Josef Göbbels es an sich gebracht. Seit Kriegsende gilt es als verschollen, allerdings soll es noch zweimal in Berlin gesehen worden sein. Die Kunstdetektei von Schleewitz soll für Egon Schwarzer die Provenienz genau dieses Gemäldes herausfinden, er hat es nämlich zum Schnäppchenpreis von drei Millionen Euro gekauft. Spannender Kunstkrimi, der immer zwischen dem heute (2017) und der Vergangenheit(1945 und später) wechselt. So hätte es gewesen sein können, zwar sehr unwahrscheinlich, aber wen stört das? Gut geschrieben, die Empfindungen des Räubers gegenüber dem Gemälde vielleicht nicht ganz nachvollziehbar, aber doch sehr gut. Ich bin gespannt auf die nächsten Fälle dieser Kunstdetektei. Guter Krimi.
Andreas Pflüger, Geblendet, bildet den Abschluss der Trilogie um die blinde Ermittlerin Jenny Aaron. Sie ist in medizinischer Behandlung, um wieder sehen zu lernen - anstrengender, als man sich das vorstellen kann. Sie hat eine Gegnerin, die ihr sehr ähnlich ist und ihr ebenbürtig scheint. Ihre "Abteilung", eine Spezialeinheit der Polizei, die nicht dem BKA, sondern der Innenministerkonferenz unterstellt ist, hat einen schrecklichen Feind. Ich mag Pflügers Umgang mit Sprache, die Aufzählungen und die Wiederholungen, und auch die seltsame Kombination aus Realität und Phantasie/Karate-Philosophie. Dies Buch ist etwas weniger waffenträchtig als die beiden ersten, fand ich auch nicht schlecht... Nicht schlüssig: Der Psychologe sagt, ihr Vater habe in Jenny Aaron den Sohn gesehen, den er nicht hatte. Kann man schnell durchlesen, aber es lohnt sich, genauer hinzugucken. Sehr gut gefällt mir zum Beispiel, dass so ein Lara-Croft-Typ eine komplizierte Psyche haben "darf". Sehr guter Krimi.
Karsten Dusse, Achtsam morden. Ein entschleunigter Kriminalroman. Der Erzähler ist Rechtsanwalt in einer großen Kanzlei und wird von seiner Frau, für die er keine Zeit mehr hat, in ein Achtsamkeitsseminar geschickt. Das wirkt sich geradezu revolutionär auf seine Arbeit aus, er hat Zeit und Ruhe, allerdings passieren plötzlich lauter Morde. Herrliche Satire, lustige Morde, ideal für alle, deren Freunde seit ihrem Achtsamkeitsseminar davon schwärmen, wie toll ihr Leben seitdem ist, und nur noch nerven. Dazu eine im Absurden schlüssige Handlung. Nur am Schluss sacken Spannung und Anspruch ein wenig ab, die letzten Morde sind etwas zu viele und zu grausam. Als hätte der Autor etwas geschludert, weil er einerseits keine allzu einfache Lösung wollte (etwa, dass der Anwalt das Syndikat auch de nomine übernimmt), andererseits mit der ein bisschen offenen Lösung nicht ganz zufrieden ist. Aber das ist Spekulation. Trotzdem: Ich hab das Buch mit größtem Vergnügen gelesen und sage nicht nur "sehr gut" sondern "toll", weil es so ungewöhnlich ist.
Selim Özdogan, Der die Träume hört. Nizar Benali ist Privatermittler für Cyberverbrechen. Nun soll er einen Darknet-Dealer finden, an dessen Stoff ein Teenager gestorben ist. Im Laufe der Recherche wird er mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert: Er kommt aus "Westmarkt", einer Art Ghetto für "Schwarzköpfe" (Türken, Araber...), und hat einen gewissen sozialen Aufstieg geschafft. Aber das ist auch ein Ausstieg, und nicht einfach zu bewerten. Sehr spannender Krimi über eine Internet-Ermittlung. Sehr souverän: "Er ist nicht der Klügste. Wie Sami, aber das ist mir egal." (S. 213, ähnlich S. 167.) Meist sind die eigenen Leute Helden, aber dieser Autor erzählt differenziert. Man bangt und fühlt mit, wird wütend, und dabei ist es einfach spannend. Nebenher erfährt man einiges über Türken in Deutschland, ohne erhobenen Zeigefinger. Blöd, an sowas zu denken, ist aber einfach so. Sehr guter Krimi.
Dirk Brauns, Die Unscheinbaren. Die Eltern von Martin Schmidt, 18, werden in der DDR als BND-Spione verraten und enttarnt und müssen ins Gefängnis. Jahre später kommt seine Mutter frei und geht in den Westen, Martin folgt ihr und lässt seine Freundin zurück. Heute ist seine Mutter im Altenheim und Martin Tierarzt in Bayern. Wissenschaftler wollen ihn zum Spionagefall interviewen und Martin geht den alten Spuren nach. Was geschah damals wirklich? Wenn die Eltern Spione sind, beeinflusst das die Kinder - nicht erst bei der Aufdeckung. Was haben Geheimnisse für eine Macht über eine Familie? Man geht mit Martin die alten Wege nach, und erkennt, wer alles von Spionage und Verrat profitiert hat. Man beginnt, seine lieblose Mutter zu verabscheuen und über die Rolle Martins nachzudenken. Trauriges Buch über die Folgen von Spionagetätigkeit für die Familien der Spione. Aber auch ein bisschen lahm - ich bin mit Martins Figur nicht so richtig warm geworden, was vielleicht Absicht des Autors war, aber ich verstehe sein Handeln oft nicht. - Die Grafik auf der vorderen Umschlagseite sollte man erst am Schluss angucken. Guter Krimi.


Juli 2019

Kultur in Hamburg

Bewohnerfreundliche Städte, gegenseitige Hilfe: Viele Menschen, laut Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg sogar "immer mehr Menschen engagieren sich weltweit privat und beruflich, weil sie etwas verändern wollen." Das Museum macht dazu gerade eine Ausstellung: Social Design präsentiert 25 ausländische (auf dem Flyer steht "internationale", aber ich will dem Wort "ausländisch" den negativen Klang nehmen) Positionen und eine Reihe Projekte aus Hamburg. Mein Lieblingsprojekt: Vagabunt Hamburg, das Social Fashion mit Straßenkindern, minderjährigen Geflüchteten und Mädchen mit Gewalterfahrung gestaltet. Die "Vagabunten" schreiben auf ihrer Homepage: "Social Fashion will die Strahlkraft von Mode nutzen, um gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Und wir sind nicht nur ein Social Fashion Projekt, sondern auch ein super slow fashion-Label: Ein Jahr - eine Kollektion!" Große Klasse: Das Traditionshaus Ladage & Oelke, das auch schon mal eine Anzeige bei Hinz&Kunzt geschaltet hatte, und das gerade vom Neuen Wall in die Großen Bleichen umgezogen ist, hat wunderbare Stoffe gespendet. Hey, das wird ein Traum von einer Kollektion!

Musik in Stuttgart - Wolfgang Dauner bei den jazzopen

Großartiges Konzert, hätte ich nie so erwartet... Hieß Three Generations, weil die Musiker zwischen 18 und 83 Jahre alt sind. Brillant und schön, und nicht mal die teils kitschigen Hintergrundbilder störten. Mein persönlicher musikalischer Höhepunkt für lange Zeit.

Sogar die Vorgruppe, das Lukas de Rungs Quintett, war wirklich gut. Die sahen alle so brav und bürgerlich aus und machten dann so tolle Musik ;-)

Kunst und Kultur in Ludwigshafen und Mannheim

Gewächse der Seele - Pflanzenfantasien zwischen Symbolismus und Outsider Art zeigt das Wilhelm Hack-Museum in Ludwigshafen bis Anfang August, und bis Anfang Juli Bild und Blick - Sehen in der Moderne. Bild und Blick hat mir besser gefallen. Die Pflanzen wirkten so, wie man sich einen LSD-Rausch vorstellt. Es geht um die "Bedeutung von Symbolismus und Surrealismus als Vorbedingung für die Entdeckung von mediumistischer Kunst und der ´Bildnerei der Geisteskranken`. Damit hinterfragt die Schau auch die feste Abgrenzung von etablierter Kunst und Outsider Art und unterstreicht die fließenden Übergänge der Kunstproduktionen unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen", naja. Ist mediumistische Kunst nicht eine Einbildung? Die Ausstellung wirkt so, als würden die Macher selbst an sowas glauben, das finde ich befremdlich. Kann man sowas überhaupt entdecken? Oder nicht vielmehr erfinden? Bild und Blick war dagegen vielfach streng und karg, bot für mich trotzdem mehr zu sehen und zu denken. "´Der Betrachter ist im Bild – diese Formulierung des Kunsthistorikers Wolfgang Kemp hebt hervor, dass der Künstler den Rezipienten in der Konzeption seines Werks mitdenkt und damit dessen Standpunkt in seine Überlegungen einbezieht." Ja. - Ist der Künstler eigentlich selbst Rezipient?

Das Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim zeigt Mannheim als glanzvolles Zentrum der europäischen Theater- und Musikkultur im 18. Jahrhundert. (Lebendiges Theater gibts da aber auch bis heute.) Steigt man im Zeughaus alle Treppen hoch, sieht man in der Ausstellung Vorhang auf! Theatergeschichte ein seltenes Bühnenmodell des Theaters aus der Zeit um 1800, eine Windmaschine aus dem Barock, mehrere Bühnenbildmodelle verschiedener Inszenierungen und Hörbeispiele aus berühmten Opern, gesungen von Sängerinnen und Sängern des Nationaltheaters.Aber das Bühnenmodell fand ich am tollsten.

Kunst in Berlin und Potsdam

Das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst zeigt eine Ausstellung zu Jonathan Monk: Exhibit Model Four - plus invited guests. Monk ist Brite und lebt in Berlin. Er ist nicht nur Künstler, sondern er sammelt auch Kunst. In dieser Ausstellung zeigt er einige dieser Werke und stellt ihnen eigene Werke gegenüber, die eigenen aber auf riesigen Schwarzweiß-Fotos.

Das FLUXUS+ zeigt Wolf Vostell Contemporary Art. Naja, wirklich contemporary ist es nicht mehr, mit den Installationen, die vor ein paar Jahrzehnten noch schockiert haben. Ein Zitat von der Homepage des Museums: ""Die Attacke von Fluxus ist eine Attacke gegen die Beschränktheit des freien Ausdrucks, gegen die Beschränktheit des Kunstbegriffes, gegen die Beschränktheit der Sammler und Museumsdirektoren." Wolf Vostell, Covertext VGDL – „Garten der Lüste“, 1982" - Ach ja, die böse Kunstwirtschaft. Trotzdem aktuell: Auf dem Boden sind Pfeile und Zeichen, und Anweisungen: Der Besucher soll zum Beispiel an einem Ort stehen bleiben und irgendwas machen, Grimassen oder Geräusche. Macht Spaß. Ist das Selbstironie?

Im Atelier, welches heute das Kunsthaus Dahlem ist, sollte Arno Breker arbeiten. Hitler bewunderte Breker für seine Kunst und seine nationalistischen Ideen und wollte ihm ein Atelier zur Verfügung stellen. Das wurde nach Plänen von Hans Freeese zwischen 1939 und 1942 errichtet, aber Breker kam nur sporadisch hin, weil das Glasdach durch die Bomebenabwürfe bedroht war. Außerdem schenkte Hitler ihm 1949 das Schloss Jäckelsbruch in der Nähe von Wriezen, wo sich die "Arno Breker Bildhauerwerkstätten gGmbH" befanden. Heute widmet sich das Kunsthaus Dahlem der Kunst der deutschen Nachkriegsmoderne mit Schwerpunkt auf Skulpturen zwischen 1945 und 1961. - Ich würde aber auch gern was von Breker sehen, so schlimm es war. Der Schutz vor schlechtem Einfluss kann auch eine Bevormundung sein, und die Unterstellung, zu einem eigenständigen Urteil nicht fähig zu sein. (Kann, nicht muss, klar. Aber ich empfinde es so.)

Direkt neben dem Kunsthaus Dahlem befindet sich das Brücke Museum. Noch bis zum 11. August läuft hier die Ausstellung Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus. Sie waren verfemt, aber die meisten hatten anfangs gehofft, dass die Nationalsozialisten ihre Kunst anerkennen würden, und malten weiter, nur Kirchner nicht, der brachte sich im Jahr 1938 um.


Juni 2019

Kunst in Berlin

Mantegna + Bellini in der Gemäldegalerie, ach toll. Die beidenwaren Freunde, Rivalen, Schwäger. Sie beeinflussten einander und entwickelten sich doch eigenständig weiter. Tolle Austellung, leider viel zu kurz.

Kunst in Dresden

Ein Mädchen steht am Fenster und liest einen Brief. Ihre Wangen sind leicht gerötet, sie ist versunken. Vor ihr das geöffnete Fenser und an der Wand - nichts. Oder ein Putto? Das berühmte Bild von Johannes Vermeer wird auf 1657/59 datiert, es hängt in Dresden. Immer mit einer hellen Wand als Hintergrund. Eine Röntgenaufnahme hatte schon in den 1970er Jahren gezeigt, dass ein Putto das lesende Mädchen betrachtet, aber er war eben übermalt worden. Man dachte, Vermeer selbst hätte ihn übermalt und ließ alles so. Nun aber beschloss man, das Gemälde zu restaurieren. Und entdeckte dabei, dass zwischen der Firniss über dem Putto und der Übermalung Dreck war, und zwar so viel Dreck, dass Jahrzehnte vergangen sein mussten, bevor der Putto übermalt wurde. Vermeer aber starb im Alter von 43 Jahren. Also muss irgend jemand anderes den Putto übermalt haben. Die Dresdner beschlossen, im Zuge der Restaurierung auch den Putto wieder freizulegen. Der Restaurator trägt ganz vorsichtig mit einem Skalpell die Farbe ab. Das ist so anstrengend, dass er nur einen bis zwei Quadratzentimeter am Tag schafft. Einen Monat lang konnte man das Gemälde bewundern, im "Zwischenzustand", mitten in der Restaurierung, mit einem tollen Erklärvideo dabei. Mitte 2020 soll es fertig restauriert sein und wieder ausgestellt werden.

Neue Krimis

Bei Paul Ingendaay, Königspark, (Vorsicht Spoiler) beginnt die Kampfsportlerin Nuria, als "Hüterin" im Madrider Königspark zu arbeiten, wo vor allem illegale Einwanderinnen zur Prostitution gezwungen werden. Die Hüter sind im Park das, was Wirtschafter im Bordell sind: Sie verteidigen die Frauen gegen gewalttätige Freier, halten sie aber auch zur Arbeit an. Der Zuhälter, für den Nuria arbeitet, beschäftigt, ohne von der Verwandtschaft zu wissen, auch Nurias ältere Schwester Isa, die zehn Jahre vorher von zu Hause abgehauen war und nun freiwillig als teure Escort arbeitet. Nuria wird immer kritischer. Schließlich lernt sie einen Journalisten kennen, dem die Frauen im Park leid tun. Sie befreit zwei Frauen, so dass er Zeuginnen hat, anhand derer er die Geschichte journalistisch erzählen kann, und der Zuhälter fliegt auf. Tolles Buch, es fragt nach Macht und Machtmissbrauch und nach der Verantwortung des Einzelnen in einem komplizierten System. Auf den ersten Blick lässt es viele Fragen offen, sie werden beantwortet mit der Entwicklung der Personen. So könnte man denken, der Zuhälter ist im Grunde seines Herzens ein Guter. Aber er arbeitet sich auf Kosten vergewaltigter Flüchtlinge hoch (Kalkulation Seite 255, Zwang S. 140, System S. 357, er ohrfeigt am Schluss Nurias Schwester, die bis dahin seine Vertraute gewesen war, S. 385). Und Nuria hilft den Frauen und steht ihnen nahe, aber sie hält sie auch zum Arbeiten an, nur eben ohne Drohung (S. 95); letztlich will sie das Böse bekämpfen (S. 347). Es gibt freiwillige Prostitution (ein Transvestit), möglich aber nur ohne Zuhälter; Zwangsprostitution wird von der Gesellschaft toleriert und ist ein schwärendes Übel. Ein anderes Thema ist gesellschaftliches Standesbewusstsein (der Zuhälter will oben ankommen, erkennt aber, dass es ihm nicht gelingt; Nuria liest Jane Eyre und schätzt bei dergesellschaftlich Unterlegenen deren innere Freiheit im Streitgespräch). Ein Buch, welches das Thema der Prostitution aus ungewöhnlichen Perspektiven behandelt, mit überraschenden Wendungen, und vor allem, was ich natürlich großartig finde, mit wirklich guten Einfühlungsvermögen in eine junge Kampfsportlerin.

Martin Suter lässt in Allmen und die Erotik Privatdetektiv Johann Friedrich von Allmen seinen 5. Fall lösen: Er ist mal wieder pleite, wird beim Diebstahl erwischt und erpresst: Er soll von einem fromm gewordenen ehemaligen Porzellanwarenhändler erotische Figuren stehlen, die dem peinlich sind, und deren Anblick er seiner 25-jährigen Enkelin nicht zumuten woill. Darum hat er sie versteckt, und Allmens Erpresser weiß, wo. Das Buch lebt von drei Figuren und der Spannung zwischen ihnen: von Allmen, Carlos, ehemaliger sans-papier und Schuhputzer, und dessen Freundin Maria. Carlos war früher Allmens Diener und ist inzwischen sein Teilhaber. Eine Geschichte um erotische Porzellanfiguren ist in Prinzip interessant. Aber auf mich wirkt das Buch abstoßend. Ich habe zwar geschafft, es bis zum Ende zu lesen, es ist auch handwerklich ok. Aber alles wird vom Verhältnis zwischen Allmens, Carlos und Maria überschattet. Allmen ist von übertriebener Nonchalance, Carlos ein treuer Anhänger und Marias praktisch-vernünftig. Das Ganze wirkt als Überhöhung des Adels, die konterkariert werden soll durch Suters Ironie ("Johann Friedrich von Allmen, der auf das ´von` gerne verzichtete, um diesem mehr Gewicht zu geben, befand sich auf einer Durststrecke.", Marias Lebensklugheit, Carlos´ Freigiebigkeit und Allmens Schussligkeit und Großzügigkeit (S. 36). Aber das funktioniert nicht, weil erstens Allmen zu snobistisch ist (Teesorten, Whiskysorten, Anzugstoffe S. 212) zweitens der Diener eher Kadavergehorsam als Treue zeigt (macht bei einem Diebstahl mit, tut so, als sei er souverän, ist es aber nicht, S. 43) und eben doch unterwürfig ist (Carlos gibt Allmen 3000 Franken, damit er ausgehen kann, "Für Sie, Don John." Allmen antwortet "Nein, es gehört mir nicht.", und der Diener: "Nein, aber es gehört zu [kursiv] Ihnen.", S. 72), und Maria erinnert mich an Mammy in Vom Winde verweht: lässt Lebensklugheiten vom Stapel, ist aber im Grunde unterwürfig "Männer! Stehlen, damit niemand erfährt, dass sie stehlen! Kinder!" (S. 33)

Romy Hausmann, Liebes Kind: Die Studentin Lena aus München wird vermisst. Alles ist anders, als man denkt. Lena erzählt, Hannah erzählt, noch mehr Menschen erzählen. Nach und nach glaubt man, die Geschichte zu vestehen und wird doch immer wieder überrascht. Ein Thriller, wie man sich ihn wünscht: Spannend, überraschend, und obwohl die Handlung verschlungen ist, kann man ihr leicht folgen. Hab ich an zwei Abenden so weggelesen. Bemerkenswert: Die Autorin kann sich phänomenal gut in Menschen hineinversetzen, die mit Tagträumen ein Trauma bewältigen und (Epilog) die ihre Fähigkeit zum Tagträumen einsetzen, um innerlich frei zu sein. Vielleicht keine große Literatur, aber hier schimmert Größe durch.

Beim Hochamt in Neapel von Stefan von der Lahr (Vorsicht Spoiler) laufen mehrere Kriminalfälle über kreuz: Eine Gruppe Menschen sucht in Neapel das Grab Alexanders des Großen. Die Camorra verschiebt radioaktiven Müll und lagert ihn an ungeeignetem Ort. Der IS will ein Attentat in Damaskus verüben. Komplizierte Verflechtungen. Und diese sind intelligent, es gibt überraschende Handlungsstränge. Besonders ist: Religion wird zwar kritisch gesehen, aber nicht niedergemacht. Sie spielt sogar eine besondere Rolle, weil Frömmigkeit und Verzückung eine gesellschaftliche Kraft bilden, eine Bewegung, als siegreiches Gegengewicht zur Bewegung der Camorra.

Matthias Wittekindt, Die Tankstelle von Courcelles. Ein Dorf in den Vogesen. Eine Gruppe von Kindern um Lou, anfangs 9 Jahre alt, wächst heran, wird eine Clique, bekommt einen kritischen Lehrer namens Theron, macht Abitur. Ein Verbrechen geschieht. Ein junger Mann aus der Gruppe nimmt sich das Leben. Ein junger Gendarm, Ohayon, versucht, an die Jugendlichen heranzukommen und es aufzuklären. Sprödes Buch, das immer die Gefühle und Handlungen der Beteiligten erklärt, so wie es auch zB Steinfest macht, aber kälter. Man lernt als Leser niemand richtig kennen, wird auf Distanz gehalten von den Personen, von denen auch niemand wirklich sympathisch wird, außer Ohayon, aber auch den lernt man kaum kennen. Nur einmal wird der links-kritische Lehrer versteckt aufs Korn genommen (er lebt in einem Haus, dem man ansieht, dass er reiche Eltern hat), geschieht ihm recht, denn zwar provoziert er die Jugendlichen und regt sie so zum Denken an, aber letztlich lässt er sie im Stich. Immerhin, eine prekäre Situation mit Lou nutzt er nicht aus. Am Schluss ist der Autor gut zu Lou. Ein sehr gutes Buch, aber ich tat mich etwas schwer mit der Lektüre.

Johannes Groschupf, Berlin Prepper: Berlin, Walter Noack ist etwa 40, Online-Redakteur, zuständig für die Löschung von Hass-Kommentaren bei einer Berliner Tageszeitung (Berliner Morgenpost, eventuell Welt). Er erzählt in der Ich-Form von seiner Arbeit, von seinem Privatleben (er ist Prepper, erwartet Katastrophen und Anarchie, hortet Lebensmittel, hält sich mit Sport fit). Plötzlich wird er zusammengeschlagen, nach ihm auch eine junge Kollegin, und danach erleidet er einen entsetzlichen privaten Verlust. Er setzt sich mit Rechtsextremisten in Verbindung und besorgt sich eine Waffe. Hasskommentare sind ein interessantes Thema, das durch den Mord an Walter Lübcke leider Aktualität gewinnt. Das hat der Autor gut vorhergespürt, und er beschäftigt sich mit denen, die sich hiermit beruflich auseinandersetzen müssen. Der Ich-Erzähler ist ein durchgeknallter Spinner, dem Unrecht geschieht. Groschupf präsentiert ihn nicht als harmlosen sympathischen Mensch, was nahe liegen würde, sondern traut sich, zu differenzieren, was ihm wirklich gut gelingt. Groschupf gibt viele Hasskommentare wieder, die sehr realistisch wirken, außerdem führen sehr unterschiedliche, oft widerliche Menschen in den Dialogen ihre Gedanken aus. Nebenher kritisiert er Verantwortungslosigkeit von Medien, die den Ton ihrer Artikel zum Thema Flüchtling verschärfen, um Klicks zu generieren - und um Kommentare zu provozieren, die weitere Leser anlocken (S. 114 f.) Ungewöhnliches Thema, ungewöhnliche Umsetzung, spannendes Buch.


Mai 2019

Das Datum für die nächsten Stuttgarter Kriminächte steht fest!

Sie finden statt vom 13. bis zum 29. März 2020. Und es gibt schon Karten für die Eröffnung, die Bühnenversion von Stephen Kings "Misery" in der Inszenierung von Eva Hosemann. Nix wie hin!

Neue Krimis

Das neue Buch von Heinrich Steinfest, Der schlaflose Cheng, ist spannend, hat  überraschende Wendungen, sprengt den üblichen Rahmen. Und ist wie jeder Steinfest auch etwas maniriert. Das Buch gefällt mir sehr gut, wie soll ich es ausdrücken?, weil es so etwas Pazifistisches und Undogmatisches hat. Gun Love von Jennifer Clement handelt von Pearl und ihrer Mutter, die in einem alten Ford Mercury am Rande eines Trailerparks in Florida leben. Draußen veranstalten die Leute Schießübungen, drinnen geht es um Musik und Kunst und Träume. Dann verliebt sich ihre Mutter, leider in den falschen Mann, mit schrecklichen Folgen. Man wird allmählich in die Familiengeschichte, genauer: die Herkunftsgeschichte der Hauptperson hineingezogen. Wenn Pearl erzählt, zerreißt es mir das Herz und ich werde wütend. Ich habe allerdings eine Handlung von Pearl - ich will sie nicht verraten, aber sie steht in Kapitel 31 - nicht verstanden. Letzte Ausfahrt Stockholm von Ingo Langner beschreibt die Recherche eines hinterbliebenen Freundes: Nico Goldberg ist tot, Adrian Friedhoven war sein bester Freund und zweifelt daran, dass es Selbstmord war. Das Buch hat mir nicht gefallen: Ich habe es nach knapp der Hälfte abgebrochen. Allein die Sprache! Es gibt viele Adjektive, die Wortwahl ist unglücklich (S. 11: "aufgehängt", es heißt gehängt oder noch besser gehenkt.) Das fällt auf, weil der Verlag das Buch ausdrücklich als "literarisch anspruchsvoll" angekündigt hat, und gerade das ist es nicht. Auch ist es schon bei Kleinigkeiten  schlampig recherchiert (S. 11: S-Bahnstation "Witzlebenstraße", über den Namen wird herumphilosophiert, aber es gab mal "Witzleben", und die wurde im Jahr 2002 umbenannt in "S-Bahnhof Messe-Nord/ICC"). Berliner Lokalkolorit und Geschichten aus der Journalistenszene sind ganz lustig, es reicht aber nicht. Patria von Fernando Aramburu dagegen ist toll: Bittori  kehrt als alte Frau in ihr Dorf zurück. Dort war ihr Mann Txato von Eta-Terroristen erschossen worden. Möglicher Mörder: Der Sohn ihrer bis dahin besten Freundin Miren. Das Dorf ist zerrissen, die Menschen haben Angst und schweigen. Bittoris Rückkehr bringt alles durcheinander. Die Menschen - Täter, Opfer, Mitläufer - erzählen aus ihrer Perspektive. Stoff zum Nachdenken über Freundschaft, Liebe, Schuld und Vergebung. Spaß beim Lesen hatte ich bei Joe Fischler, Der Tote im Schnitzelparadies. Ein Fall für Arno Bussi: Inspektor Bussi wird von Bundeskriminalamt aus dem schönen Wien in ein Tal in der Tiroler Einöde versetzt. Dort muss er gleich einen Mord aufklären, wie kommt ein Kopf in eine Tiefkühltruhe? Vielleicht nicht übermäßig anspruchsvoll, liest sich aber in einem Rutsch mit viel Spaß so weg. Der Autor zieht seine Hauptperson ständig durch den Kakao, aber das wird nie lächerlich: Er kommt rüber als netter Schussel, dem man alles Gute gönnt. Auch die Handlung ist durchdacht. Großartig fand ich von Jocelyne Saucier, Niemals ohne sie. Das Buch spielt in Kanada und fängt mit einem großen Familientreffen an - Eltern, und sie haben 21 Kinder. Das Buch entwickelt sich aus den Erinnerungen mehrerer Familienmitglieder, aus der je eigenen Perspektive. Der Vater hatte eine Zinkmine entdeckt und profitierte nicht vom Gewinn. Die Familie kämpft. Ein Tod, der Alle geprägt hat, wird im Rückblick ganz allmählich aufgeklärt. Ein toller Roman, eigentlich eine Geschichte vom Kampf um Würde gegenüber der Übermacht von Unternehmen und stärkeren Familienmitgliedern, aber auch eine Geschichte von Armut und Stärke, Vernachlässigung und Misshandlung in einer Familie. Bullenbrüder. Tote haben keine Freunde, von Hans Rath und Edgar Rai erzählt von zwei Brüdern: ein Polizist und ein Loser, und sie versuchen, einen Mordfall im Berliner Rotlicht- und Drogenhändlermilieu aufzuklären. Der Loser war mal mit des Polizisten Frau zusammen gewesen und ist jetzt in seinem Gartenhäuschen untergekommen. Wenns drauf ankommt, ist er sehr korrekt (will man das?), sonst erzählt er auch gern mal Lügen. Das Buch ist vielleicht kein großer Wurf, keine Reflexion, nicht einmal nebenher durch die Handlung, aber solides Krimihandwerk und ordentliche Unterhaltung. Sehr gut wiederum von Philip Kerr, Berliner Blau: 1956 soll Bernie Gunther im Auftrag von Erich Mielke eine englische Agentin ermorden. Das will er nicht und flieht, verfolgt vom Stasi-Agenten Friedrich Korsch, mit dem er 1939 einen Mordfall auf dem Obersalzberg gelöst hat. Auch hier zwei Handlungsstränge, spannend verknüpft. Das Buch macht Spaß zu lesen und ist anspruchsvoll, es gibt zu denken, man kann sich über sehr menschliche Nazi-Intrigen amüsieren (darf man das? - ja!), und der Autor (leider 2018 verstorben) hat seine Handlung sehr geschickt in die europäische Geschichte eingebettet. Er kehrt manchmal den Snob heraus, das macht aber nichts, vielleicht ist es auch der Handlung geschuldet. Sehr, sehr guter "historischer" Kriminalroman.


April 2019

Kultur in Basel

In Basel gibt es viel zu sehen und zu hören: Museen, Konzerte, Theater. Die Stadt ist nicht groß, wer gut zu Fuß ist, gelangt überall hin. Fahrradfahrer dagegen müssen Straßenbahnschienen, Kopfsteinpflaster und Steigungen überwinden. Wer über sein Hotel eine BaselCard erhält, kann die ausgezeichneten Verbindungen des ÖPNV kostenfrei nutzen und erhält zudem 50 Prozent Ermäßigung auf Museen.

Basel hat mehrere Spielzeugmuseen: Das Spielzeug Welten Museum Basel am Barfüsserplatz beherbergt die nach eigenen Angaben größte Sammlung alter Teddybären der Welt, außerdem historische Puppen, Kaufmannsläden, Puppenhäuser, Karussels und zeitgenössische Miniaturen. Das Ganze auf vier Stockwerken. Es gibt viel zu sehen, aber es ist sehr gedrängt, ich hätte gern ein paar mehr Freiraum und Erklärungen gehabt. Dazu gibt es Sonderausstellungen, eine über Hüte, mit atemberaubenden Exemplaren, oder - aktuell - Korsetts, wahrscheinlich auch Atem raubend. Im Spielzeugmuseum Riehen habe ich eine wunderschöne und wohl geordnete Sammlung mit Spielzeug aus den vergangenen 200 Jahren betrachtet. Man findet mechanisches Spielzeug, frühe Spielzeug-Eisenbahnen, handbemalte Zinnfiguren, Blechautos und Holzfuhrwerke, Bau- und Konstruktionskästen, feinste Porzellanpuppen, reich ausgestattete – teilweise mehrstöckige – Puppenstuben, Kaufmannsläden sowie wertvolle alte Plüschtiere. Viele Exponate stammen von wohlhabenden Familien. Andere sind aus der Natur oder selbst gefertigt - die Anfänge des Spielzeugs. Die Museumsleitung denkt schon an die nächsten 200 Jahre und bittet auf ihrer Website: "Verwenden Sie keine Klebestreifen zum Befestigen loser Teile Ihrer Spielsachen! Der Klebstoff schadet den Materialien, mit denen er in Kontakt kommt." Eine aktuelle Ausstellung hat Pippi Langstrumpf zum Thema, die ich liebe, auch wenn man seit der Lektüre der neuesten FAS Bedenken tragen muss, ob sie nicht an Trump und überhaupt allem schuld ist, au weia...

Eine Tram-Station entfernt vom Spielzeugmuseum Riehen findet man die Fondation Beyeler. Ein wunderbares Museum, nicht zu groß, nicht zu klein, luftig, mit schönem Ausblick auf einen Teich mit, tatsächlich, Sumpfdotterblumen am Ufer, der Gärtner hats bestätigt, und vor allem großartiger Kunst. Noch bis zum 26. Mai läuft die Ausstellung "Der junge Picasso" mit Werken aus der sogenannten Blauen und Rosa Periode von 1901 bis 1906. Zum ersten Mal in Europa werden diese großartigen Bilder gemeinsam präsentiert. Sie sind besonders schön und emotional, sie zeigen Lebende, Leidende - das Mahl des Blinden, - und Tote - seinen Freund Casagemas im Sarg. Picasso war schon bekannt, aber noch nicht berühmt, die Bilder sind gegenständlich und berühren das Herz.

Nebenan der Kunst Raum Riehen, in dem noch bis Ende Juni "If I was a rich girl" läuft. Die Künstlerin Clare Kenny, die in Basel wohnt, zeigt ihre Kollektion von Werken anderer Künstler, die sie sich ausgeliehen hat. Was macht Kunst zu Kunst? Was bedeutet es, reich zu sein und Kunst zu besitzen? Die Ausstellung zeigt Kunst und sie führt den Besucher gelegentlich an der Nase herum, mit Vorhängen, die Nasen zeigen oder ähnlichen Skurrilitäten.

Im Kunstmuseum Basel läuft noch bis Anfang August "Kosmus Kubismus. Von Picasso bis Léger".  Sie schließt sich kunstgeschichtlich an die Ausstellung in der Fondation Beyeler an und zeigt Kunst aus den Jahren 1907 bis 1917, als junge Künstler in Paris sich von einer Welt im Umbruch inspirieren ließen. Die Ausstellung macht Spaß, weil sie gut geordnet ist und einzele Phänomene wie Primitivismus, den Durchbruch der geschlossenen Form oder zu Collagen und Assemblagen gut erklärt und gezeigt werden.

Zum Historischen Museum Basel gehören die Barfüsserkirche, das Musikmuseum und das Haus zum Kirschgarten. In der Barfüsserkirche sollte man unbedingt den Basler Totentanz besichtigen, genauer die Reste - das Kunstwerk wurde zum großen Teil zerstört. Auch lohnenswert die alten Wandteppiche, die skurrile und spannende Geschichten erzählen, von Waldweiblein, Jagden, Werben von Mann und Frau...

Hotel Strindberg von Simon Stone mit Caroline Peters und Martin Wuttke, eine Koproduktion des Wiener Burgtheaters mit dem Theater Basel, es wurde auch zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen - unbedingt hingehen!!!

Wer Kinder hat (und auch, wer nicht), sollte unbedingt der Basler Papiermühle einen Besuch abstatten, es knattert und kracht und zischt, es riecht und glitscht, man kann Papier schöpfen und malen, ganz wunderbar und vergnüglich. Und man lernt auch Einiges über Papier, Schrift und Druck.

Ebenfalls laut und vergnüglich ist es im Museum Tinguely. Aber nicht nur - manches ist auch bedrückend, erschreckend und traurig. Lustig sind seine bunten Maschinen. Viele kann man zum Laufen bringen, man braucht nur etwas Glück, denn nach jedem Lauf benötign sie eine Ruhepause, damit sie nicht oder nicht so sehr verschließen. Auf einigen kann man herumklettern, was auch Kinder begeistert. Aber im Keller findet sich eine unheimliche Installation, die dem Basler Totentanz nachempfunden ist, dessen Reste man vorher im Historischen Museum betrachtet haben sollte. Der "Mengele-Totentanz", eine Figurengruppe aus 18 Teilen, baute Tinguely im Jahr 1986 aus den Überresten eines abgebrannten Bauernhofes. Daruner war auch eine Mais-Pressmaschine der Firma Mengele, die der Familie des KZ-Arztes Mengele gehörte - daher der Name, der so unheimlich gut passt.


März 2019

Kultur in Kopenhagen

Kopenhagen lohnt auf jeden Fall einen Besuch. Das Essen ist zwar nicht so toll, außer man hat viel Geld zur Verfügung, aber alle Dänen, denen ich begegnet bin, waren sehr freundlich. Eine saubere Stadt, in der ich mich sehr ausgesprochen gefühlt habe. Und man kann viel unternehmen. Die Bedingungen für Radfahrer sind ideal, jeder fährt hier auch Rad, und die Dänen sind rank und schlank. Mir fiel auch auf, wie sozial es hier zugeht: In vielen Museen sinkt der Eintritt, wenn man ein Kind mitbringt, man zahlt für beide zusammen weniger als für eine Einzelperson.

Toll war erst mal die Kunsthal Charlottenborg mit der Charlottenborg Spring Exhibition: die zeigt seit 1857 jedes Jahr neue Arbeiten vor allem dänischer Künstler, in diesem Jahr 78 Stücke von 45 Künstlern. Ich stolperte über das Video von Madeleine Andersson (SE), I need to find myself before the icecaps have melted, 2018. 8:25 min. HD video. Installationsview, Charlottenborg Forårsudstilling 2019. Photo by Søren Rønholt. Ironie oder nicht? Kann man was mögen, von dem man nicht sicher ist, ob es ironisch gemeint ist? Egal, ich hielt es für Ironie, jemand anderes nicht, und uns beiden gefiel es.

Im Statens Museum for Kunst, Dänemarks Nationalgalerie, kann man Europäische Kunst von 1300 bis 1800, Französische Kunst von 1900 bis 1930, Dänische und Nordische Kunst 1750 bis 1900 und Dänische und Internationale Kunst nach 1900 betrachten und bewundern. Im Faltblatt sind die zehn "Highlights" vorgestellt, und die sind auch toll, von "Melanchole" von Lukas Cranach d.Ä. bis zum Kronleuchter von Danh Vo.

Das Krigsmuseet, das Dänische Kriegsmuseum, zeigt eine unglaubliche Sammlung von Kanonen, viel interessanter aber ist die Aufbereitung des Ganzen. So informieren die Dänen über ihre Kriege, die meisten verloren, mit einem spöttischen Humor; aber empathisch über Verletzte und Tote.

Absoluter Höhepunkt der Reise ist das Louisiana. Es ist ein Stück außerhalb der Stadt, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Dort läuft noch bis zum 23. Juni Open My Glade, die erste große Ausstellung mit Werken von Pipilotti Rist in einem skandinavischen Land. Im Video "Color is dangerous" läuft sie fröhlich eine Straße entlang und zerschlägt lauter Autoscheiben (einen besonders schönen Oldtimer verschont sie dankenswerterweise). In einem anderen Video hält sie einen langen, traurig-lustigen Monolog über Liebe und Verlassen-Werden. In wieder einem anderen zeigt sie eine Geburt, mit allen Einzelheiten samt Dammschnitt, nun ja, dies Video ist ein Verhütungsmittel, irgendwie, aber warum eigentlich kann man sich über alles informieren und wundert sich über nichts, und das, was jeden passiv und jeden zweiten aktiv unmittelbar angeht, haut einen um? Großartige Überraschung auch Focus: Feldmann - Hans-Peter Feldman ist ein deutscher Künstler, von dem ich schon Arbeite gesehen habe, den ich aber bloß im Hinterkopf hatte und den ich sicher nicht mehr vergessen werde. Ein langes Interview zeigt einen ganz durchschnittlich aussehenden Mann, der mit viel Humor den Betrachter seiner Werke durcheinanderbringt, etwa indem er ein Paar im Stil Holländischer Meister malt, aber mit roter Clownsnase.

Glück gehabt: Während des Besuches lief Pulsar, ein Festival für Neue Musik. Dabei sollen vor allem junge Komponisten aus Skandinavien untereinander vernetzt werden. Die Komponisten sind großenteils in ihren Zwanzigern, wirklich beindruckend. Nicht nur für Fans des Stils.


Februar 2019

Bug auf der Homepage - gerichtet

Tut mir leid, dass man mich grad nicht in voller Schönheit bewundern kann: Das Foto auf dem Header ist nach oben gerutscht. Die Technik-Kollegen von Strato sagen, es sei ein Bug im Design und versprechen schnellstmögliche Besserung.

Aktualisierung März: Die Technik-Kollegen von Strato haben es gerichtet: Vielen Dank!

Krimis - es ist so beruhigend, wenn andere Leute ermordet werden ...

Peter Swanson hat mit "Die Gerechte" (2017; 2015: The Kind Worth Killing) einen wahnsinnig spannenden Krimi voller überraschender Wendungen geschrieben. "Alles was Du fürchtest" (2019; 2017: Her Every Fear) ist ein bisschen langatmig, man weiß zwar auch nicht, wie es ausgeht, aber es ist nicht wirklich überraschend. "Die Lebenden und die Toten" (2014) von Nele Neuhaus soll ein Spiegel-Bestseller sein, ich fand ihn aber langweilig. Das Thema ist sehr gut, auch dass es sich erst langsam herausschält, aber ein Drittel weniger hätte dem Buch gut getan. Margaret Millar, "Die Süßholzraspler" (1972; 1957: The Soft Talkers) ist uralt und brillant.

Kunst in Baden-Baden

Das Museum Frieder Burda zeigt eine tolle Brücke-Ausstellung. Immer wieder gut. Exponate aus Berlin, von Burda und anderswo her. Auch wer das Berliner Brücke-Museum schon kennt, kann in Baden-Baden Bilder sehen, die er vielleicht noch nicht kannte, denn hier sind auch solche, die in Berlin nicht hängen.

Außerdem kann man das Banksy-Schredder-Bild "Love is in the Bin", naja eigentlich "Girl and Balloon" betrachten. Dafür kann man sogar umsonst rein, es gibt allerdings eine lange Schlange. Die vermeidet man, wenn man die Karte für Brücke kauft, aber wer das nicht will, kann am Kunstbetrieb vorbeigehen. Das Museum bittet stattdessen um eine Spende für ein Hilfsprojekt für junge Flüchtlinge, auf einen ideelen Impuls von Banksy hin, der sich für Flüchtlinge engagiere.

Kunst in Karlsruhe

Die art KARLSRUHE hat sich wieder gelohnt. Toll: Dimitriy Zhdankin, "Überraschung II", ein Frauenkopf von halb hinten von Siri Gindesgaard, seltsame Risenvögel von Matthias Garff, von Simon Czapla ein riesiges Krokodilbild, das Viech mit rosa Cowboyhut, -stiefeln und Colt. Nachdenklich machend von Stefan Bircheneder Spinde, deren Inhalte gemalt sind, Arbeitsklamotten, ein pin up-Girl, Kleider... und jeder Spind erzählt eine andere Geschichte. Verrückt von Peter Anton vier große bunte Fische zum An-die-Wand-hängen aus butem Plastik, sie sehen aus wie aus Gummibärchen-Material. "Dran am Fenster" von Raimund Göbner ist eine Holzfigur, die im Fenster lehnt, man weiß gar nicht, von welcher Seite man gucken soll. Zum Lachen von Georg Schulz der Xte Senat, alle in roten Gewändern, aber beim BVerfG gibts doch gar keinen Zehnten Senat??? Die Figuren von Markus Brenner, ein Mann und eine Frau, die hüpfen, lassen sogar Kinder ganz fasziniert gucken. Ich mochte  die skurrilen Typen von Hannes Helmke. So viel tolle Kunst!


Januar 2019

Grigory Sokolov, Complete Recordings

Sokolov liebt keine Studio-Aufnahmen, darum hat naive schon im Jahr 2011 Mitschnitte von Life-Konzerten zusammengestellt und in einem Schuber herausgebracht. Es sind zehn CDs,  je zwei mit Bach, Beethoven, Schubert und Chopin, eine mit Brahms und eine mit Prokofiev, Skriabine und Rachmaninov. Geordnet sind sie nach Aufführungsorten: Bach in St. Petersburg, eine von Beethoven in St. Petersburg und eine in Verona, Schubert in Helsinki, Chopin in Paris und St. Petersburg, Brahms in Paris, und Scriabin, Prokofiev und Rachmaninov auch in St. Petersburg. Das Pariser Publikum hustet ein  bisschen, beim Booklet zu Schubert sieht man die Tesafilmstreifen auf den Kopien, die Klangqualität ist nicht so toll. Lohnt sich aber, wenn man darüber hinweghört, zum Beispiel wenn man die Musik nicht nur passiv genießen, sondern kennenlernen oder mit Einspielungen anderer Pianisten vergleichen will. Vor allem die Brahms-Balladen sind toll.

Bücher für freie Tage

Der heilige Eddy von Jakob Arjouni und Der König von Berlin von Horst Evers sind ulkige Krimis, die in Berlin spielen. Liest man in zwei, drei Stunden. Eddy ist eigentlich ein nicht ganz aber doch einigermaßen Lieber und gerät in einen fürchterlichen Schlamassel. An dem er aber auch selber Schuld ist, ein bisschen jedenfalls. Der kleine Bruder von Sven Regener spielt auch in Berlin und ist die Vorgeschichte vom berühmten Herrn Lehmann. Der kleine Bruder sucht in Berlin seinen großen Bruder. Später arbeitet er in einer Kneipe. Darüber, dass auch ein sozial nicht sehr hoch angesiedelter Job das Richtige sein kann, darüber hat Sven Regener einiges Intelligentes gesagt, ich glaube, es war in der FAZ.

Kunst in Halle an der Saale

Mitte Oktober 2018 bis Anfang Januar 2019 lief eine Sonderausstellung zu Gustav Klimt im Kunstmuseum Moritzburg. Hat sich gelohnt, der Besuch, mehr als 60 Zeichnungen und zehn Gemälde des Künstlers. Die meisten Werke befinden sich heute in Wien und New York, sie sind fragil. Dass man es geschafft hat, sie zusammenzutragen, ist eine Sensation, darauf ist man im Museum zurecht stolz. Den Audioguide und die Ausstellung hätte man noch etwas besser aufeinander abstimmen können, ein paar kleine Ungenauigkeiten haben sich eingeschlichen, die "Irrlichter" entstanden laut Text am Bild im Jahr 1903, laut Audioguide "um 1902". Die Kompositionsentwürfe dazu haben die Nummer 11, das Bild die Nummer 9 - andersherum wäre die Nummerierung logischer gewesen. Einige Zeichnungen, etwa die "Stehende Schwangere", kann man nur ahnen, es ist einfach zu dunkel im Raum. Schade, dass es zum Fakultätsbild Philosophie keine Zeichnung gibt, wenigstens ein Foto von Bild oder einem Entwurf wäre schön gewesen. Ich hatte von Klimt nur die prachtvollen Bilder im Kopf, seine Zeichnungen waren mir neu. Einige Aktzeichnungen erinnern an die Egon Schieles. Wunderbare Ausstellung, die Fahrt hat sich wirklich gelohnt!

Übrigens, wenn man im Museum oben aus dem Fenster guckt, sieht man Brandmauern, einen Weg, eine Brache, eine Reihe Autos - und wenn man genau hinguckt, entdeckt man an der Fensterscheibe den Abdruck eines Vogels. Eine Taube ist gegen die Scheibe geflogen und hat ihren Staub auf der Scheibe hinterlassen, man kann genau Körper, Flügel, sogar Schnabel und Auge erkennen. Hoffentlich hat sie es überlebt, die Arme!


Dezember 2018

Erwachsen

Eigentlich weiß ich es schon seit Jahrzehnten. Aber gelegentlich wird es mir besonders bewusst: Ich bin erwachsen. Ich merke es daran, dass ich mich nicht über Weiße Weihnachten freue, sondern über Weihnachten ohne Einkaufs- oder Verkehrschaos. Oder daran, wie ich Äpfel esse: Ich beiße nicht mehr rein, sondern viertele und entkerne sie, und dann verzehre ich die Viertel nacheinander. Sehr manierlich.

Kunst in München

Florenz und seine Maler in der Alten Pinakothek, man kann ungefähr 120 wahre Meisterwerke sehen. Am Anfang der Ausstellung erläutern große Bild- und Texttafeln die bahnbrechenden künstlerischen Erfindungen und die Wechselwirkungen zwischen den Neuerungen der Techniken und denen der Stile. Die Kunstwerke - keinesfalls nur Gemälde, sondern auch Zeichnungen und Skulpturen - zeigen immer wieder religiöse Themen, aber auch profane Portraits. Was hatten die Künstler für Ideen, wie arbeiteten sie? Die Ausstellung läuft noch bis zum 27. Januar. Auch die Dauerausstellung ist toll, viel Dürer, den ich sehr mag. Sonntagseintritt in den Pinakotheken ein Euro, das ist sozial, ich liebe die Bayern!


November 2018

Kunst in Hamburg

Das Museum für Kunst und Gewerbe zeigt noch bis zum 13. Januar Inky Bytes, Tuschespuren im Digitalzeitalter, und bis zum 17. März 68. Pop und Protest.

In den Inky Bytes arbeiten Künstler und Künstlergruppen aus Hamburg und China analog und digital und postitionieren sich, so der Text zur Ausstellung, gegenüber chinesischen Tuschetraditionen wie Tuschemalerei, Buchdruck und Steinabrieb. In einem Raum kann man eine VR-Brille aufsetzen und 360 Grad herumschauen und dabei zusehen, wie die Künstler in Hamburg in der Nähe der Uni im Freien arbeiten.

68. Pop und Protest erinnert an die Erschütterungen und Dramen, die nationalen Proteste und revolutionären Ideen, die dadurch entstanden, ermöglicht und unterstützt wurden. Eine weltweite kulturelle Revolution sei in Gang gesetzt worden. - Wirklich weltweit? Aber wir profitieren heutzutage von den Kämpfen von damals, über die Fortschritte in Fragen der Menschenrechte etwa bin ich glücklich, auch wenn, man braucht es nicht zu betontn, viel zu tun bleibt.

In der Kunsthalle habe ich die "Ruine Oybin" von Caspar David Friedrich betrachtet, Vorgänger seines politischsten Bildes, "Huttens Grab". Hatte die FAZ so toll beschrieben (15.08.2018, S. 11).

Und ich habe Bilder Hamburger Künstler angeguckt, die Kunsthalle hat einen Saal eingerichtet, in der Kunst in Hamburg aus den verschiedenen Sammlungsbereichen versammelt wird. Ungefähr einmal im Jahr werden neue Bilder reingehängt, aktuell "Klassische Moderne" mit einer Präsentation zum Hamburgischen Künstlerclub von 1897, mit Julius von Ehren, Ernst Eitner, Arthur Illies und Anderen. Klasse!

Und, auch ganz überraschend, damit hätte ich nicht gerechnet: Die Kunsthalle zeigt Lieblingsbilder der Hinz&Kunzt-Verkäufer_innen. (Hier schreibe ich "_innen", denn die Ausstellung heißt so. Ansonsten verwende ich das Generische Maskulinum: Damit sind Männer UND Frauen gemeint.) Die Kunsthalle gratuliert, vor 25 Jahren erschien nämlich die erste Hinz&Kunzt in Hamburg. Zum Jubiläum lud Kunsthallen-Direktor Christoph Martin Vogtherr sechs Hinz&Kunzt-Verkäufer zu einem Rundgang in die Kunsthalle ein, sie erwählten ihre Lieblingsbilder, und man kann in der Ausstellung lesen, was sie dazu zu sagen haben. Super Idee.

Kunst in Berlin

George Grosz in Berlin und, Kontrastprogramm, Simply Danish im Bröhan-Museum. Simply Danish zeigt noch bis zum 3. März Silberschmuck des 20. Jahrhunderts von dänischen Künstlern. Für meinen Geschmack zu glänzend, aber zum Angucken im Museum interessant. Man sieht die Sammlung des Berliner Ehepaares Marion und Jörg Schwandt mit ungefähr 170 Schmuckstücken von 48 Künstlern, seit dem Jugendstil. George Grosz sehe ich seit der Ausstellung mit anderen Augen, unter den mehr als 200 versammelten Werken sind viele, die sonst nicht öffentlich zugänglich  sind, und die Texte zu den Bildern sind wirklich gut. Er hat in der Weimarer Republik provoziert, wurde dreimal angeklagt, und provoziert noch heute. Schnell hin, läuft nur noch bis zum 6. Januar!


Oktober 2018

Kunst in Berlin über Berlin

Die Schönheit der grossen Stadt im Museum Ephraim-Palais (gehört zur Stiftung Stadtmuseum), zeigte, wie Künstler vom 19. Jahrhundert bis (fast) heute die städtischen und gesellschaftlichen Strukturen Berlins sahen. Die Bilder hingen von Februar bis Ende Oktober, und ich habe es an einem der letzten Tagen noch hingeschafft, zum Glück, es war ein Erlebnis! Lyonel Feiniger malte 1912 einen Gasometer in Schöneberg, hellgrauen Rauch vor schmutziggoldenem Gebäude, Max Beckmann machte 1911 den Nollendorfplatz fast menschenleer, und Rainer Fetting ließ 1993/94 den Potsdamer Platz mit roten Kränen hinter dem großen dunkelgrünen Tiergarten fast verschwinden. In dieser Ausstellung hätte ich stundenlang herumstromern und gucken können.


September 2018

Kunst in Berlin

Viel auf einmal: In ganz Berlin die Berlin Art Week, und am ehemaligen Flughafen Tempelhof in den Hangars 5 und 6 die art berlin, und im Hangar 4 die positions. Art berlin und positions dauerten nur das letzte Septemberwochenende. Ausstellungen der Berlin Art Week dagegen laufen weiter, etwa im Gropiusbau, und da bin ich erst in Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland gestolpert und dann in Bestandsaufnahme Gurlitt.

In den Bewegten Zeiten  werden verschiedene Exponate aus allen Bundesländern unter den vier Themen Mobilität, Konflikt, Austausch und Innovation ausgestellt und sollen auf persönlicher, wirtschaftlicher und religiöser Ebene die Folgen überregionaler Interaktion erzählen. Das klappt mehr oder weniger gut, ein bisschen erratisch vielleicht, aber im letzten Raum haben die Ausstellungsmacher es geschafft, einige der bedeutsamsten Funde überhaupt zusammenzuführen: drei der vier Goldhüte, die Venus von Hohle Fels und die Himmelsscheibe von Nebra. Da stockte mir der Atem, so grandios war es.  [Nachtrag, Dezember 2018: Die Himmelsscheibe wurde inzwischen durch ein Duplikat ersetzt.]

In der Bestandsaufnahme Gurlitt werden tolle Exponate gezeigt, aber ich hätte mir gelegentlich eine genauere Erläuterung gewünscht: Warum wurden von über 1500 Exponaten bisher nur 4 an die Nachfahren der rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben? Und wenn Nazis Kunst als entartet bezeichneten und aus Museen raubten, pardon, beschlagnahmten, sollen diese Werke dann diesen Museen zurückgegeben werden? Oder sind auch sie in Bern? Warum? Ich wüsste gern Näheres. [Nachtrag, Dezember 2018: Eine entsprechende Presseanfrage an die Bundeskunsthalle wurde nicht beantwortet. Schade.]

Die positions sind schön übersichtlich, man kriegt keine Plattfüße, und am besten gefiel mir eine ganz skurrile Figur: ein Fisch auf zwei Beinen von Albrecht Genin.


Nino Haratischwili, Die Katze und der General

Ach, auch toll... Liest man weg wie nix.


Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka)

Wer liest freiwillig 1200 oder 1300 Seiten? Man sollte sich aber wirklich dranwagen, ich kann die georgische Familiensaga nur empfehlen, das Buch hat mich gefangen genommen. Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um reizukommen, hilfreich ist der Stammbaum der Familie in der hinteren Umschlagseite. Nino Haratischwili kommt aus Georgien, nebenher habe ich bei der Lektüre einiges über dieses besondere Land gelernt, aber eher aus Versehen, zum Glück, denn ich mag Romane, die Unterricht in Geschichte oder Geographie geben, ebensowenig wie lehrreiche Spiele. Dies Buch aber hat mich begeistert und immer wieder überrascht, ich mochte jede Person auf eine andere Art und Weise, und ich würde ehrlich gesagt gern wissen, was mal aus dem Mädchen Brilka wird - ein neuer Roman, hoffe ich. Erst mal habe ich mir von derselben Autorin Die Katze und der General gekauft, gebunden leider 30 Euro, aber was soll man machen.


August 2018

Stephan Balkenhol in der Kunsthalle Emden

Noch bis zum 16. September läuft in der Kunsthalle Emden die Ausstellung mit Werken von Stephan Balkenhol. Am besten gefiel mir die Giraffe auf dem Schnittmusterbogen. Als ich gehen wollte, regnete es, und ich habe auch noch den Film über den Künstler angeschaut: Unprätentiös und gut! Lustig, dass die documenta eine Skulptur nicht mochte, die der Künstler in einem Kirchturm ausgestellt und dann der Kirche geschenkt hat. Das Café lohnt auch einen Besuch.

Auferstehungen in der Kunsthalle Emden

Parallel läuft die diesjährige Sommerausstellungen mit Meisterwerken aus der Sammlung, diesmal zum Thema "Auferstehungen". Im November diesen Jahres ist das Ende des Ersten Weltkriegs 100 Jahre her.  Was machte der Krieg mit Künstlern wie Dix, Grosz, Heckel, Pechstein? Einige hatten den Krieg herbei gesehnt, erwarteten eine Reinigung, dass eine Verweichlichung aufhörte. Wieso kann ich so absurde Vorstellungen verstehen? Zum Glück lebe ich in einer Demokratie, die Schwache schützt. Und die Künstler? - Sie bekamen Traumata, Krankheiten, Verletzungen, neue Utopien, den Tod...

Niederländische Malerei in der Kunsthalle Bremen

Kunsthalle Bremen: Bis zum 26. August lief die Ausstellung "Tulpen, Tabak, Heringsfang" mit Niederländischer Malerei des Goldenen Zeitalters. Der Bremer Kaufmann Carl Schünemann hatte seine Sammlung niederländischer Gemälde der Kunsthalle Bremen geschenkt,  jetzt wurden die 32 Ölgemälde zum ersten Mal ausgestellt. Endlich, und man kann hoffen, dass sie einen Stammplatz bekommen! Eine Frau in einem weißen Seidenkleid, man sieht förmlich, wie es knistert. Ein Blumenkorb, darin auch gestreifte Tulpen, Spekulationsobjekt für Verrückte.


Juli 2018

Wespen

Kaum hat man sich gesetzt, kommen sie angeschwirrt, die Wespen. Echt nervig. Neulich habe ich eine dabei beobachtet, wie sie sich ein Riesenstück Schinken vom Schinkenbrot absäbelte. Ich wollte das natürlich nicht beobachten, aber ich musste, denn jedesmal, wenn ich die Wespe wegwedelte, kam sie bald darauf zurück und suchte die angesäbelte Stelle am Schinken, und während sie suchte, summte sie an meinem Ohr herum und flitzte vor meinen Augen hin und her. Irgendwann wedelte ich nicht mehr und guckte nur noch. Wenn sie irgendwo sitzt und arbeitet, dann weiß ich wenigstens, worauf ich aufpassen muss. Das ist doch zwei Quadratmillimeter Schinken wert, oder? Ist ja auch interessant. Oder? Ob die Wespe wohl wusste, dass sie beobachtet wird? War es ihr egal? Hat sie eigentlich auch mich beobachtet?

Bodo Kirchhoff, Dämmer und Aufruhr

Dämmer und Aufruhr nennt Kirchhoff seinen Roman der frühen Jahre, eine dichterische Autobiographie sozusagen. Bewunderswert, wie er darüber schreibt, wie ein Lehrer im Internat ihn, ja, verführt. Kirchhoff fängt die sinnliche Spannung ein: Es ist klar, dass der Junge missbraucht wird, aber das Buch versenkt ihn nicht in einer Opferhaltung: Der Lehrer sah aus wie Winnetou. Gehört zum Besten, was ich zu solchen Themen gelesen habe.

Eigentlich aber handelt das Buch von seiner Mutter. Kirchhoff schreibt, inzwischen etwa 70 Jahre alt, über Besuche bei seiner alten Mutter, er beschreibt seine Recherche für das Buch - Urlaub in einem Hotel, in dem auch seine Eltern Urlaub gemacht hatten - und er beschreibt, dies einigermaßen chronologisch, seine eigene Kindheit und Jugend bis zum Buchvertrag - wie auch andere, die im Schreiben groß wurden, etwa Deborah Feldman in Unorthodox.

Hello World

Hello World ist ein ulkiger Titel für eine Ausstellung, es ist wohl eine politische Botschaft: Die Sammlung des Museums Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin, der Nationalgalerie, ist vorwiegend westlich orientiert, und wie sähe sie aus, wenn ein weltoffeneres Verständnis ihren Kunstbegriff und ihre Entstehung geprägt hätte?, diese Frage versuchen 13 interne und externe Kuratoren zu beantworten. Das Ganze ist etwas erratisch, aber voll interessanter Einzelheiten. Schräge die alte Band Laibach, die im Jahr 1984 Gründungsmitglied des interdisziplinären Kunstkollektivs Neue Slowenische Kunst wurde, und bei der ich nie so richtig weiß, wie ernst sie das faschistoide Auftreten eigentlich meint. Die Ausstellung läuft von Ende April bis Ende August 2018.

Gemixte, verwirrende Realitäten

Kubus, Kunstmuseum Stuttgart, tolle Ausstellung noch bis zum 26. August 2018. Augmented und virtual reality in der Kunst, gleich beim Reinkommen ein ulkiger Reiter, eine Skulptur auf einem Sockel, aber sein Schatten sieht anders aus als er selbst, in einigen verwirrenden Details: Hat er Sporen oder nicht? Zügel oder nicht? Und was für eine Waffe ist das denn nun? An den Wänden große rot-grüne Bilder, die dreidimensional werden, wenn man eine der ausliegenden Brillen aufsetzt. Aber am Tollsten sind die Räume, in denen man eine VR-Brille aufsetzt und einen Controller in die Hand nimmt: Plötzlich meint man in einer ganz anderen Umgebung zu stehen, und man kann sein eigenes virtuelles Ich hierhin und dahin beamen. Man steht in einem unwirtlichen Gebäude voll Wasserlachen und Becken und Stufen, oder in einer Wüste, aus der wie Kakteen Arme wachsen, bei einem Klick wächst ein neuer Arm, drückt man länger, wächst er schier ins Unermessliche. Gerade richtig für einen unerträglichen heißen Nachmittag.

Tot oder auch nicht

Das medizinhistorische Museum der Charité in Berlin zeigt von Ende April bis Mitte November 2018 die Sonderausstellung "Scheintot – Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden". Um 1800 herum begannen manche Ärzte und Naturwissenschaftler, an der Sicherheit und Feststellbarkeit des Todes zu zweifeln. Sie schlugen allerhand Methoden vor, um Sicherheit zu gewinnen: Ein Glöckchen im Sarg installieren. Oder mit der Beerdigung warten, bis der Tote fault. Diese Ausstellung ist genau richtig, wenn man an einem unerträglichen heißen Nachmittag Schwindel fühlen will...


Juni 2018

Irrlichter

Johannistag, Sommersonnenwende, Sommeranfang: Alles jetzt im Juni. Und pünktlich schwärmen Glühwürmchen aus, Kleine Leuchtkäfer, verwirren den Geist und entzücken die Seele, hoppla, bin ich Trichtomist, das wäre ja peinlich, nein, lieber nicht... Also, Glühwürmchen, wer jetzt ein bisschen Glück hat, kann sie in warmen Nächten entdecken und verzückt die kleinen weißlich leuchtenden Punkte betrachten, die durch das Dunkel schweben. Wer dagegen Pech hat, denkt nur, der Punkt sei ein Glühwürmchen, aber in Wahrheit sieht er die glimmenden Zigarette eines Mörders, der im Schutze der Dunkelheit aufs nächste Opfer lauert... Dieser Gedanke wäre womöglich der letzte Gedanke des Irrlicht-Suchers. Ach nein, das wird mir alles mir zu unheimlich. Ich breche lieber ab.

Altes Land

Tolles Buch: Altes Land von Dörte Hansen, ich habe es begeistert gelesen und schon zweimal weiterverschenkt.


Mai 2018

Gratis in die Staatsgalerie!

Juhu, Kunst für umsonst: Die Staatsgalerie Stuttgart wird 175 Jahre alt. Ein stolzes Alter: Die kleine Hexe kommt auf grad mal 127 Jahre. Die kleine Hexe hext. Die Staatsgalerie feiert und lädt uns ein: Eintritt frei für die Ausstellung "#meinMuseum - 175 Jahre Staatsgalerie", also für fast alles. Das Angebot gilt vom 1. Mai bis zum 28. August 2018. Nix wie hin!


April 2018

Jeanette Winterson

Orangen sind nicht die einzige Frucht erschien im Jahr 1985, und Warum glücklich, statt einfach nur normal? im Jahr 2011. Beide Bücher haben einen autobiografischen Anteil, das ältere weniger, das neuere mehr. Die Autorin erzählt, wie sie als adoptiertes Mädchen in einer christlichen, man könnte auch sagen fundamentalistischen Familie mit einer aggressiven Mutter aufwuchs. Beim ersten Buch war die Autorin 25, beim zweiten 52 Jahre alt. Die erste Fassung der Geschichte ihres Lebens, so möchte ich es nennen, war die Geschichte, die sie ertragen konnte, die zweite Fassung die Geschichte, die sie mit ihrer Lebenserfahrung reflektiert. Ich glaube, jeder Mensch, der in so einer Familie aufwuchs, erkennt nur zu viel wieder: Warnungen vor dem männlichen Geschlecht, aber ohne Erklärungen; die allzeit dräuende Apokalypse, die Angst vor dem Glück. Und ich wünsche jedem den Mut zum Wunsch, einfach nur weg zu gehen. Und dann, wenn es nötig ist, die Kraft und das Durchhaltevermögen. Winterson ging. Nach Jahren kehrte sie einmal zurück und fand sich in einer Art Club wieder: Geschminkt, beachtet. Und ihr wurde klar: Selbst wenn sie in der Gemeinde geblieben wäre: Auch dann hätte sie eines Tages geschminkt und beachtet in dieser Bar gestanden. Sie war nicht der Mensch für ein verhuschtes Leben.

Die Maus im Haus von G.

Zu Weihnachten nistete sich eine Mäusefamilie ein und baute sich ein Nest unter dem Dach. Sie nagte das Marzipan an und wurde vertrieben. Zu Ostern kam ein Eichhörnchen. Es war allein und tanzte auf dem Fernseher.

Warum das alles?


März 2018

Der Meister von Messkirch

Staatsgalerie Stuttgart: Am letzten Tag noch den Meister von Messkirch bewundert, fast angebetet. Ein wunderschöner Tag - wer ist so verrückt und geht bei strahlendem Sonnenschein ins Museum; außerdem war Ostermontag, die Staatsgalerie ist montags eigentlich geschlossen, und die Feiertagsöffnungszeiten muss man sich umständlich herunterladen.  – Und so war es nicht zu voll. Die Ausstellung war großartig. Wer dieser Meister von Messkirch eigentlich war, weiß man gar nicht. Aber er hat die katholische Kirche gegen die Reformation unterstützt, darum begann die Ausstellung auch im Reformationsjahr 2017. Der Meister hinterließ viele Tafelbilder und Zeichnungen, die inzwischen in Museen und Privatsammlungen Europas und der USA zerstreut sind. Die Ausstellung zeigte Bilder des Meisters neben solchen protestantischer Zeitgenossen: Wer durfte malen, wer nicht? Was wurde im Katholizismus gestattet, was im Protestantismus? Und kann man überhaupt nach katholischer und protestantischer Lehre unterscheiden?

art KARLSRUHE 2018

Der Besuch hat sich gelohnt. Nachmittags wird es sehr voll, man sollte möglichst früh hin. Ich mochte die begehbare Teekanne von Joana Vasconcelos - die hat auch einen Preis bekommen, den Loth Skulpturenpreis der diesjährigen art KARLSRUHE - das Bild von den zwei Jungen, einer mit Wolfskopf, der andere mit Krokodilkopf, von Sarah Mcrae Morton, die zarten und hintergründigen Wachsbilder der Frauen, die Raketen, die Autos zerschmettern (oder die Autos, die von Raketen zerschmettert werden?), ach, so viel Tolles, Interessantes, Nachdenklichmachendes!

Andreas Pflüger, Niemals

Der zweite Teil der Trilogie um die blinde Ermittlerin Jenny Aaron. (Für den ersten Teil "Endgültig" siehe unten.) Ach, so eine tolle Heldin, die einfach alles kann! Außer sehen. Und die sich dabei auch noch seelisch weiterentwickelt. Ich schmelze dahin. Was für ein Vorbild…

Stuttgarter Kriminächte 2018

Pflüger las bei den Stuttgarter Kriminächten, und dort bekam er auch den Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres, dotiert mit 3.000 € (gestiftet von der HypoVereinsbank), Glückwunsch! Die Kriminächte waren auch dies Jahr wieder richtig toll. Alle Besucher haben überlebt, zumindest wüsste ich nichts Gegenteiliges zu berichten. Das Futter für die Leseratten reicht hoffentlich eine Weile. Und wir freuen uns auf nächste Jahr!


Februar 2018

Patrick Angus, Private Show

Noch bis zum 8. April läuft im Kunstmuseum Stuttgart, dem Kubus, diese spannende Ausstellung. Angus war ein schwuler Künstler, einer der ersten, die schwules Leben, die New Yorker Szene der 1980er Jahre darstellten. Viele Bilder sind melancholisch, einige intim, manche wie ein Schlag ins Gesicht. Ein schwuler Pfarrer im Arbeitszimmer, er ist Vater eines Sohnes - hatte er sein Coming-Out erst später? Junge Männer entblößen sich auf einer Bühne, ältere Männer schauen zu, einige aus dem Halbschatten. Verwirrend: Warum tragen so viele Männer weiße Socken???

Technoseum

Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim; nichts ist spannender als Technik, schreiben die Macher auf dem Faltblatt, und wirklich, es ist oberspannend. Und macht Spaß. In diesem Museum kann man gucken, lesen, machen und tun. Zum Beispiel Reaktionen probieren. Sich vor eine Scheibe mit Lampen stellen, die nach einem Zufallsprinzip aufleuchten. Man muss so schnell wie möglich draufhauen - wer schafft am meisten in der Zeit? Phänomene aus der Tier- und Pflanzenwelt werden erklärt und man sieht, wie Techniker und Ingenieure davon lernen, von der Beschaffenheit der Haut eines Haifisches etwa. Ideal für Kinder, die werden ihren Spaß haben.


Januar 2018

Lieblingsbücher zum Thema Journalismus/Schreiben

Ein paar Bücher über Journalismus und Schreiben, vor Jahren gekauft, jetzt sind sie mir wieder in die Hände gefallen. Sie begeistern mich nach wie vor: The New New Journalism: Conversations with America's Best Nonfiction Writers von Their Craft von Robert S. Boynton. Literary Journalism: A New Collection of the Best American Nonfiction von Norman Sims und Mark Kramer. Telling True Stories: A Nonfiction Writers' Guide from the Nieman Foundation at Harvard University von Mark Kramer und Wendy Call. The Art of the Personal Essay: An Anthology from the Classical Era to the Present von Phillip Lopate.


November 2017

Anita Rée in der Hamburger Kunsthalle

Noch bis zum 4. Februar 2018 zeigt die Kunsthalle eine Retrospektive von Anita Rée. Viele unbekannte Werke sind dabei: Ich kannte ihre etwas schwermütigen Frauenbildnisse, aber bestimmt nicht die Fabelwesen - schräge Tiere! Eine Mischung aus Pferden und Windhunden, und mit Tupfen. Und dass diese Frau, die sich mit nicht einmal 50 Jahren das Leben genommen hat, einen Schrank mit umherturnenden Affen bemalt hat, überrascht mich auch. Rée war eine der ersten erfolgreichen Künstlerinnen, zwischen 1904 und 1910 nahm sie Malunterricht bei dem Hamburger Impressionisten Arthur Siebelist, und zwar in Hittfeld - dieser Ort verfolgt mich - danach arbeitete sie in Paris, Süditalien und dann wieder in Hamburg. Die Kunsthalle zeigt ungefähr 200 Werke in thematisch gegliederten Räumen: Die Fabelwesen findet man in "Ferne Paradiese"; im Raum "Herrenporträts und Frauenbilder" (ist dieser Titel etwa unfeministisch?) weisen die Bildnisse in die Neue Sachlichkeit; "Letzte Werke" sind auf Sylt entstanden, wo Rée Aquarelle der kargen Küstenlandschaft mit ein paar einsamen Schafen gemalt hat, aber auch Portraits ihrer guten Freundin, die vor Lachen geradezu zu explodieren scheint. Tolle Ausstellung, unbedingt sehen!

Wer keine Kunst mag und sich trotzdem (warum nur?) in der Kunsthalle wiederfindet, dem sei ein Besuch bei der Tropfsteinmaschine empfohlen. Allen anderen auch.

Religion und Revolution

... oder zumindest Revolutionäres: Das Mädchen Wadjda will den Koran Rezitations-Wettbewerb ihrer Schule gewinnen und mit dem Preisgeld ein grünes Fahrrad kaufen. Dumm nur, dass dies für eine Zehnjährige in Saudi-Arbien nicht so einfach ist. Außerdem lebt sie in einem bigotten Umfeld: Ihr Vater verlässt ihre Mutter, ihre Lehrerin lebt auch nicht gerade fromm, tut aber so, als ob. Wadjda gewinnt den Wettbewerb - weil sie von ihrer Mutter lernt, dass die Rezitation des Korans von Herzen kommen muss. Mustang erzählt die Geschichte von fünf Waisenmädchen, die bei ihrer Großmutter und einem bösen Onkel in einem einsamen türkischen Dorf aufwachsen. Eine verbitterte Nachbarin verbreitet Gerüchte über sie, die Großmutter gerät in Panik und will sie zwangsverheiraten. Es gelingt ihr nicht bei allen - und die einzige Ehe, die glücklich zu werden verspricht, ist die der ältesten Schwester: Sie setzt durch, dass sie den Mann heiraten darf, den sie liebt, mit dem sie schon schläft - und nur im Zusammenhang mit dieser Ehe wird der Name Allahs ausgesprochen, als nämlich die Eltern des geliebten Mannes bei der Großmutter um des Mädchens Hand für ihren Sohn anhalten. Kinshasa Symphony dokumentiert ein klassisches Orchester im Kongo, es gehört zur Kimbanguistenkirche oder steht ihr zunmindest nahe. Der Chef baut mit schier unendlichem Engagement ein Orchester im Kongo auf, zersägt etwa sein eigenes Cello, um nach diesem Muster neue Celli zu bauen. Es gelingt ein wunderbares Konzert. Immer wieder Filme, in denen Religion den Gläubigen Kraft gibt. Und manchmal ganz besonders denen, die ausgetretene Wege verlassen.


Oktober 2017

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege

Dies Buch hatte ich mit Spannung erwartet, vielleicht zu viel. Ein gutes Buch, ich habe es recht gern gelesen, aber im Vergleich zu den beiden ersten finde ich es doch etwas langweilig: Nino farblos, Elena und Lila oberflächlich. Was in der Politik passiert, hätte mich mehr interessiert als die Fülle von Elenas Gedanken; ihre Selbstzweifel haben mich nicht mehr überzeugt. Aber ihr Durchhaltevermögen, immer wieder mit dem Schreiben neu anzufangen, das hat mir imponiert.

Richard Löwenherz in Speyer

Spannende Sonderausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer: Richard Löwenherz: König - Ritter - Gefangener. Handschriften, Waffen, Kunst, Reliquiare - eigentlich eher wenig Exponate, wenn man es genau betrachtet. Aber viel Multimedia und sehr informativ. Das Museum ist voll, viele Besucher sind da, auch viele Kinder.


So, und ab jetzt mit Datum: September 2017

Ein paar Bücher...

Immer so ein unfertiges Gefühl, wenn ich ein Buch liegen lasse. Aber manchmal mag ich einfach nicht weiter lesen. Die letzten Bücher, die dieses Schicksal ereilt hat, waren Opfer von Cathi Unsworth, Eine Hochzeit im Dezember von Anita Shreve und Schattenboxer von Horst Eckert. Toll war dagegen Tender Bar von J. R. Moehringer. Ein Junge, dessen Vater fast nie auftaucht - "vaterlos" gibt es, warum nicht "vaterarm"? - geht schon als Kind regelmäßig in eine Bar, dort hat er Männer als Gegenüber. Er wächst. Als Erwachsener wird er Journalist und Schriftsteller. Und obwohl er in Yale studierte und mit einer extrem klugen und attraktiven Frau zusammen war - wirklich erwachsen ist er erst dann, als er ein Buch über die Bar schreiben kann. Das Buch ist so liebevoll wie die Männer in der Bar, und das ist nicht ironisch gemeint. Auch toll war Envoyée Spéciale von Jean Echenoz. Ein subtil durchgeknallter Agentenroman über eine Frau, die ständig neben sich zu stehen scheint, und die völlig überraschend von einem abgehalfterten Geheimdienstmann gleichsam eingefangen wird, um, tja, um einen Spezialauftrag zu erfüllen. Zum Schreien komisch!

Fledermaus im Schwimmbad

Das Paracelsusbad in Reinickendorf ist klein, nett, altmodisch. Was macht da eine Fledermaus? Keine Ahnung. Sie krabbelt in der Damendusche über die Fliesen, stracks auf mich zu. Hält sie mich für einen Baum? Zwei Bademeister kommen mit Handtüchern herbei, ganz vorsichtig retten sie das Tier. Besser nicht anfasssen, Fledermäuse können Tollwut übertragen. Bei Füchsen und so ist sie ausgerottet, aber die Flattertiere kann man nicht kontrollieren. War trotzdem ein netter Besuch.

Piepmatz auf dem Fensterbrett

Sommer. Vogelküken werden flügge. Theater bei den Hausrotschwänzen, Spatzen, Turmfalken, Drosseln. Alle sind aufgeregt, denn Fliegen lernen ist nicht einfach. Neulich fliegt eine kleine Amsel auf mein Fensterbrett, sie hat noch ein paar helle Flaumfedern am Kopf und ihr Schwanz ist auch noch nicht so lang wie bei einer erwachsenen Amsel. Nun sitzt sie da draußen und guckt und tschilpt. Ich sitze drinnen und gucke und tschilpe zurück. Plötzlich wendet sie ihren Blick ab, was ist da? Die Mama! Mit einem Käfer im Schnabel. Misstrauisch äugt die Alte durchs Fenster hinein. Die Kleine sperrt ihren Schnabel auf, die Große stopft den Käfer rein. Lecker! Aber nicht genug. Die Mama fliegt wieder weg, die Kleine tschilpt weiter. So eine Nervensäge. Aber was soll man machen. Wieder und wieder kommt die Mama herbeigeflogen und stopft dem verflogenen Nachwuchs den Schnabel. Und der breitet, ohne Vorwarnung, plötzlich die Flügel aus und flattert auf den nächsten Baum.

Lezanne Clannachan, Jellybird

Jessica ist Schmuckdesignerin, glücklich verheiratet. Plötzlich begegnet ihr die aufregende Libby. Jessica wirft sich in diese Freundschaft, und plötzlich passt in ihrem Leben nichts mehr richtig. Dann entdeckt sie auch noch eine alte Postkarte und wird in ihre Vergangenheit zurück gerissen: Was wurde aus ihrer ersten Liebe? Und was stimmt mit Libby nicht? Ich habe den Roman von Lezanne Clannachan verschlungen. Man merkt zwar manchmal, finde ich, dass es ein Erstling ist, gelegentlich sind die Figuren mit ihren Handlungen nicht ganz überzeugend. Trotzdem bleibt es immer spannend. Ich las die 422 Seiten auf Englisch in Nullkommanichts! Ich bin gespannt auf Clannachans nächstes Buch. Nur: War wirklich der Geständige der Mörder? Ich hatte, vor allem am Schluss, jemand anderen in Verdacht. Hm.

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin und Die Geschichte eines neuen Namens

Zwei Freundinnen. Erst Kinder, dann Jugendliche, schließlich Erwachsene. Eine Beziehung voll Verständnis und Unterstützung einerseits, Rivalität andererseits. Freundschaft ist ein Thema, das mich in vielen Büchern interessiert. Wenn ich ein Buch lese, kommt es vor, dass ich es unter diesem Aspekt lese, auch wenn es gar nicht das eigentliche Thema ist, wie zum Beispiel bei Harry Potter. Aber, man sollte es nicht glauben, aber ganz offensichtlich ist diese von Ferrantes erdichtete Freundschaft zwischen zwei Mädchen ein Thema, welches die ganze lesende Welt fesselt. Zwei Themen, für die man doch keine weltweite Begeisterung erwarten würde! Freundschaft! Mädchen! Und das geschieht nicht zum ersten Mal: Hatte nicht Stephen King über Carrie gesagt, ach, wen interessierten schon die Menstruationsprobleme eines jungen Mädchens?, und dann wurde es doch ein Bestseller. Vive la femme!

Cranach in Düsseldorf

April bis Juli 2017, die Cranach-Ausstellung in Düsseldorf "Meister - Marke - Moderne" war toll. Super. Aber wie war das mit dem Lapuslazuli? Laut dem Dokumentarfilm hat der Künstler in Antwerpen einige Gramm gekauft, laut Texttafel hat er nach einer Reise dahin damit gemalt, was nahelege, dass er dort gekauft hat. Jau, wie sicher isses denn nun? Aber egal, das ist eine Nebensächlichkeit. Und die Texte lohnen sich auch, wer weiß schon, dass Luther und Cranach einander gegenseitig zu Taufpaten ihrer Kinder eingesetzt hatten?! Und wie wichtig Cranach als Maler der Reformation gewesen war?! Und, ganz wichtig: Der Spanische Mandelkuchen im Museumscafé ist göttlich... (Nachtrag)

RAF in Essen

Juni bis August 2017, man muss schlucken bei der Foto-Ausstellung Arwed Messmer. RAF - No Evicence / Kein Beweis mit über 150 Fotos. Jeder kennt die Fotos von Schleyer mit dem Plakat, vom sterbenden Benno Ohnesorg, die Fahndungsplakate. In dieser Ausstellung werden mehr Fotos gezeigt und mit anderen Bildausschnitten. Danach fragte ich mich: Was sehe ich, was weiß ich eigentlich? - Bemerkenswerte Folge einer Ausstellung! (Nachtrag)

Lynn Povich, The Good Girls Revolt

Großartig! Das US-amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek hat eine lange Tradition, es wurde schon in den 1930er Jahren gegründet. Es hat aber auch eine lange Tradition in der Benachteiligung von Frauen! In den 1960ern bekamen Bewerberinnen zu hören: Wenn Sie schreiben wollen, dann gehen Sie woanders hin. Bei der Wochenzeitschrift durften sie "nur" recherchieren, und, natürlich, den Männern zuarbeiten. Lynn Povich beschreibt, wie sie mit einer Gruppe Mitarbeiterinnen Klage erhoben - und gewonnen hat. Bemerkenswert auch, wie unterschiedlich die Folgen für die einzelnen Frauen waren. Nicht alle wurden damit glücklich, und sie haben auch nicht alle profitiert. Wer in der ersten Reihe steht, kann oft die Früchte seines Tuns nicht ernten. Bei Newsweek hat sich viel geändert, und zwar zum Guten - aber, so erzählt der Prolog: Noch heute werden Frauen bei Newsweek benachteiligt. Es bleibt viel zu tun. Äußerst spannend!

Amsterdam

Hören
Sonntag abend, Concertgebouw, von kurzen Hosen bis zum schickem Kleid ist alles da. Ronald Brautigam am Klavier und die Kölner Akademie unter der Leitung von Michael Alexander Willens spielen Mozart und Beethoven. Brautigam spielt perlend, aber er könnte manchmal eine Fermate setzen. Oder der Dirigent. Außerdem haben die Hörner manchmal das Klavier übertönt. Aber das lag vielleicht daran, dass historische Instrumente eine andere Akustik haben. Und vielleicht auch am Sitzplatz HINTER dem Orchester. Egal, wann kann man schon dem Pianisten auf die Finger und dem Dirigenten ins Gesicht gucken? Und Mozart und, noch seltener, Beethoven auf historischen Instrumenten genießen? Hat sich in jedem Fall gelohnt!
Sehen
Das Reichsmuseum zeigt niederländische (Kunst-)Geschichte vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Zu einigen Bildern (ungefähr eines pro Raum) gibt es DinA4-Zettel mit Erklärungen auf Niederländisch und Englisch, "see more" steht auf der einen Seite, dort ist das Bild noch einmal abgebildet, einige Details sind hervorgehoben und werden erklärt. Auf der Rückseite, "learn more", werden historische und politische Hintergründe erläutert. Toll und spannend, und man guckt viel genauer hin.
Das Van Gogh Museum hat die größte Sammlung von Werken Vincent van Goghs, darunter "Meisterwerke wie 'Die Kartoffelesser', die 'Sonnenblumen', die 'Mandelblüten' und 'Der Sämann'", heißt es auf der Website des Museums. Die Kartoffelesser haben mir nicht gefallen, zu düster, außerdem mag ich Kartoffeln nicht so gern, und warum wollte van Gogh eigentlich aufs Land? Ich verstehe nicht, was ihn am Landleben faszinierte. Ich bin da groß geworden und muss es wissen: stinklangweilig! Die Landschaft in der Sonne, ok, aber mir ist jedes bisschen Gartenarbeit zu viel. Vielleicht mag ich deswegen van Gogh und seine Sonnenblumen so gern? Sonnenblumen machen keine Arbeit, und billig sind sie auch. Als mein Eltern (Jahrgang 1922 bzw. 1923) nach dem Krieg die erste gemeinsame Wohnung hatten, säte meine Mutter Sonnenblumenkerne in die Blumentöpfe auf dem Balkon, weil sie für anderes kein Geld hatte.
Im Rembrandthaus hat Rembrandt Jahrzehnte lang gelebt. Es wurde zum Teil originalgetreu rekonstruiert, soweit man das wissen kann, und wenn man die Betten anguckt, fragt man sich, ob die Menschen damals winzig waren oder ob sie zusammengefaltet wurden, bevor sie sich schlafen legten. Rembrandt hatte viele Schüler, einige konnten bei ihm arbeiten, ganz oben im Haus wurden Kabinen mit einer Art Spanischen Wand abgeteilt, so hatten sie ein bisschen Ruhe. Ausgestellt werden Radierungen und Stiche, wunderbar.
Lesen
American Book Center, ein Riesengeschäft mit amerikanischen Büchern: Gut sortiert und tolle Auswahl! Massenweise Krimis, Bücher über Musiker, schräge Outdoorbücher, Bücher über das Bücherschreiben, Autobiografien und Biografien, Wissenschaft... kurz: alles, was das Herz begehrt. Man kann hier Stunden verbringen! Familienbetrieb. Freundliche Leute. Irgendjemand packt im 2. OG einen Haufen Bücher in seinen Rucksack. Ich sehe es nicht, es wird mir nur erzählt. Bescheid sagen? Dabei bekommen Menschen 55+ Montags 50 Prozent Rabatt!!! Ich muss noch etwas warten, hab trotzdem eingekauft, wenn auch nicht so reichlich, wie ich es gewünscht hätte - wer hat schon ein Portemonnaie, dick genug für alle Bücher, die er will? Autoren ohne Verlag können hier übrigens ihre eigenen Bücher machen, dank Betty!
Bewegen
Fahrrad leihen (5 bis 10 Euro pro Tag) und glücklich sein! Die Holländer sind alle schlank, was Wunder, Autos sieht man selten, jeder radelt auf seinem Omafiets.

Endgültig von Andreas Pflüger

Wie Blinde sich mit ihrem Gehör, per Klicksonar, zurecht finden, wollte ich wissen, seit ich vor ein paar Jahren eine Reportage im Stern (oder so) las. Andreas Pflüger hat mit "Endgültig" einen Krimi über eine erblindete Ermittlerin geschrieben, die das und noch viel mehr in Perfektion beherrscht. Eine Art Lara Croft: Jenny Aaron war bei einer Sondereinheit der Polizei gewesen. Ein Einsatz endete in einer Katastrophe, sie verlor ihr Augenlicht. Sie lernte alles neu und noch mehr dazu und wurde Vernehmungsspezialistin beim BKA. Nun geht sie einem scheinbar neuen Fall nach und es stellt sich heraus, dass er mit der Katastrophe von damals verwoben ist. Sie muss erspüren, wer Freund ist, wer Feind und braucht all ihre Fähigkeiten. Wurde bei den Stuttgarter Kriminächten 2017 vorgestellt und ist sehr, sehr spannend!

Le rapport de Brodeck von Philippe Claudel

Brodeck ist nichts, oder wie nichts, "je n´y suis pour rien", so stellt er sich vor im Roman von Philippe Claudel. Er lebt in einem abgelegenen Dorf, wohl im Elsass, vielleicht auch Osteuropa, er kam als Kind mit seiner Amme dorthin. Er war klug, die Dörfler ermöglichten ihm ein Studium in der Stadt, jede Woche sammelten sie für ihn, aber denn kommt der Krieg und verjagt Brodeck. In der Stadt hatte er die Liebe seines Lebens gefunden, sie gehen zusammen ins Dorf. Aber der Krieg lässt ihn auch dort nicht in Ruhe, Soldaten kommen, fragen nach Fremden, er wird denunziert und ins KZ verschleppt. Während er fort ist, vergewaltigen und schwängern Soldaten und Dörfler seine Frau, als die drei junge Frauen vor ihnen retten will. Als Brodeck zurückkehrt, liebt er das dadurch entstandene kleine Mädchen dennoch. Aber seine Frau ist nie mehr dieselbe. Ein geheimnisvoller Fremder lässte sich im Dorf nieder. Er ist wohl genährt und trägt wertvolle Kleidung, hat wertvolle Pfanzenbestimmungsbücher und redet nur mit seinem Pferd und seinem Esel. Eines Tages veranstaltet er ein Fest und lädt die Dörfler ein. Da schenkt er ihnen Zeichnungen, er hatte sie heimlich portraitiert. Dabei hat er ihr Innerstes so genau getroffen, dass sie ihn von nun an hassen und fürchten. Erst ersäufen sie seine Tiere. Von da an klagt der Fremde jede Nacht "assassins ... assassins!", "Mörder ... Mörder!" Schließlich erstechen sie auch ihn, die Männer des Dorfes, alle gemeinsam. Außer Brodeck. Dieser gerät zufällig an den Schauplatz des Verbrechens. Und die Dörfler beauftragen ihn, einen Bericht darüber zu schreiben: Er könne mit Worten umgehen, er habe eine Schreibmaschine. Er schreibt. Er schreibt die Geschichte des Fremden. Aber er schreibt auch seine eigene Geschichte. Die Dörfler nerven ihn. Er, ab und zu, wehrt sich. Schließlich ist er fertig.Der Bürgermeister liest den Bericht - und vernichtet ihn. Brodeck ist anders und wird dafür immer wieder ausgestoßen und verraten. Aber dabei bleibt es nicht: Er flieht. Brodek, der oft so schwach schien, nimmt im Schutz der Dunkelheit seine Frau, das kleine Mädchen und die alte Amme und trägt sie davon. Nur ein Hund läuft ihnen eine Zeitlang voraus. Am Schluss schreibt er noch einmal: Er sei ein Nichts. "Bitte, erinnert Euch."
Er ist kein Nichts geblieben.

Madrid

Herrlich. Großartige Museen, freundliche Menschen, eine schöne Stadt, ein bisschen wie Paris, aber auch härter und klarer.  Prado, herrlich. Museum Königin Sofia, großartig. Museum Thyssen-Bornemisza, wunderbar.

Stühle im Theater: Moliere in der Volksbühne ist unbequem

Volksbühne, Molière, bei der Gelegenheit Glückwunsch an den König für den Silbernen Bären. Warum eigentlich sind die Sitzflächen der Stühle in der Volksbühne so hart? Und warum biegen sich die Lehnen so unheimlich weit nach hinten? Hat schon mal jemand beim Zurücklehnen seine Stuhllehne abgebrochen? 5 1/4 Stunden Casdorf sind echt anstrengend, wenn man sich nicht getraut, sich zurückzulehnen. War aber trotzdem toll.

Krimis, Nicht-Krimis

Alle Krimis ausgelesen. Was nun? Noch mal Mankell. Und wieder grübeln: Mag ich den nun oder mag ich den nicht? Eigentlich ist ja grad Le Rapport de M. Brodeck von Philippe Claudel dran. Vor ein paar Monaten vom selben Autor Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung, übersetzt von Christiane Seiler. Das war rührend und traurig und schön. Brodeck ist mir noch ein Rätsel.

Wichtiges Thema, nervige Ausstellung: Das DHM über Kolonialismus

Noch bis zum 17. Mai 2017 läuft im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart. Die Ausstellung will "die koloniale Ideologie offen [legen], die von einem europäischen Überlegenheitsdenken geprägt war." Texte gibt es in deutscher und englischer Sprache, und "die Hauptinformationen" auch in Braille, in Leichter Sprache sowie als Gebärdenvideo.
Aber: Die koloniale Ideologie nicht nur offengelegt, sondern ihre Abscheulichkeit wird dem Besucher mit dem Holzhammer eingetrichtert. Das gilt vor allem für viele Informationen in Leichter Sprache: Forscher haben in den Kolonion Tiere und Pflanzen benannt, heißt es in der Ausstellung. Und weil in Europa alle Pflanzen und Tiere lateinische Namen haben, bekamen auch jene, die sie in den Kolonien fanden, lateinische Namen. "Die Forscher fragten die Menschen in den Kolonien nicht, wie die Tiere oder Pflanzen dort hießen."
- Ach nee, echt nicht? Woher wollt Ihr das wissen? "Die neuen Namen kamen auch von deutschen Männern." Was heißt das: Dass deutsche Männer lateinische Namen verteilt haben? Oder dass es sich bei den lateinischen Namen um latinisierte Namen deutscher Männer handelte? - Beide Male frage ich: Na und? Auch in Deutschland lebende Tiere und Pflanzen haben lateinische Namen, die erstens jünger als viele volkstümliche Bezeichnungen sind und zweitens oft den Namen des Wissenschaftlers beinhalten, der sie klassifiziert und sein Forschungsergebnis öffentlich gemacht hat. Beim Thema "Rassismus" heißt es "Noch immer denken einige Deutsche: Weiße Menschen sind besser als Schwarze Menschen." - Denken schwarze Deutsche das auch? Und denken nicht-deutsche Weiße das nicht? Schreibt doch: "Noch immer denken einige Weiße ..." Der Ethnologe Otto Finsch wird zitiert, der Einheimischen Gesichtsmasken abnahm und sich wunderte, dass diese, "sogenannte Wilde, von deren Sprache ich auch nicht ein Wort verstand", sich dieses hätten gefallen lassen. Die Ausstellungsmacher bezeichnen Finschs Sicht als abschätzig, aber warum denn bloß? Das Nicht-Verstehen setzt er auf seine Seite; er nennt sie "sogenannte" Wilde.
Also: nervig. Aber trotzdem interessant.

Pilgern: Gute Ausstellung in Köln

Ich? Bin noch nie gepilgert, was Wunder, aber andere Leute pilgern. Und zwar ganz schön viele: Millionen Menschen jedes Jahr. Kostet sie Zeit, Geld Nerven. Aber sie suchen - und viele finden - einen Sinn, wofür auch immer, Erlösung von Sünde und Schuld, Heilung von Krankheit und Gebrechen. Eine Ausstellung in Köln lässt Pilgerer zu Wort kommen und stellt 14 Pilgerorte vor, aus den großen Weltreligionen und unterschiedlichen Erdteilen. Pilgern, nicht nur zur Transzendenz, sondern in Wechselwirkung mit Politik und Wirtschaft, Ökologie und Tourismus. Anstrengende Ausstellung, interessant, gibt viel zu lesen: Man kann locker drei Stunden einplanen. Zum Glück hat das Museum ein Café. Darin kann man nach dem Gucken herumsitzen und nachdenken. Rautenstrauch-Joest-Museum - Kulturen der Welt.

U-Bahn

Jeder guckt aufs Handy. Keiner flirtet, kifft, schlägt, tritt oder so. Nein, nur Handy gucken. Sehr beruhigend. Wie ein Schlafmittel für die Öffentlichkeit.

Januarwetter

Radfahren geht nicht, wenn man so ein Schisser ist. Bestimmt wirds gleich glatt, gleich, sofort, jetzt, sobald ich auf dem Rad sitze und los radele. Dann fällt Schnee, rinnt Regen, gefriert Nässe. Der Radweg ein Spiegel, auf dem ich liege, mit blutigem Ellenbogen und blauen Hüften. Aua.

Arbeiten

Morgens früh raus. Vor den Haustüren stehen die Tagelöhner und frieren. Sie warten auf die Lieferwagen, die sie abholen. Zur Arbeit. Was zahlen sie wohl für ihre Wohnungen? Wie viele Männer teilen sich ein Zimmer? Mit Kohleofen? Nicht schön.

Familienunternehmen

Ein Kaufmann erzählt einem anderen Kaufmann von einem polnischen Unternehmer. In dessen Unternehmen ist jeder mit jedem verwandt. Ist wohl so bei den Polen. Glaubt der Kaufmann. Er sagt: Der Onkel sitzt so da und ... macht so. Aha.

Vortrag halten

Am 12. Januar habe ich im Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen in Lüdenscheid einen Vortrag gehalten: "Mein Großvater, der Antisemit – die Geschichte des Predigers und Kirchenfunktionärs Friedrich Heitmüller (1888-1965)".

Neven du-Mont und Neven-DuMont

Die Familie Neven-DuMont hat im Jahr 2010 manch eine Schlagzeile gemacht. Ist Konstantin eigentlich mit Dietlind verwandt? Also Neven-DuMont mit Neven du-Mont? Dietlind hat nämlich "Das Getüm" und "Ein Getüm kommt selten allein" geschrieben. Und dieses Getüm zerpflückt immer Zeitungen. Außerdem ist die mit Abstand unsympatischste Figur ein aufdringlicher Paparazzo namens Enrico Buzzi. Aber der wird am Schluss nett und schreibt dann nur noch Bücher über Katzen. So eine gewisse Distanz gegenüber Zeitungen... Lässt doch eine Verwandtschaft vermuten, oder? Aber nur vermuten, denn im Redaktionsarchiv MDS findet sich leider nichts dazu.

Briefkästen sprengen

Jugendliche haben Ende Dezember einen Briefkasten in die Luft gesprengt. In Neukölln. Dies fand sogar in Flensburger Medien Erwähnung. In niedersächsischen Dörfern kam dies jedes Silvester vor, ohne dass sich jemand dafür interessiert hätte. Abgesehen natürlich von den Leidtragenden wie etwa dieser Autorin, deren Briefe auch mal explodiert sind.

Die Russen kommen

Guck in die Statistik meiner Homepage. Jeden Monat kommen mich ein paar Hundert Russen besuchen. Warum nur? Egal: Straswutje! Ach, falls jemand dabei ist, der ein Rezept für Blini oder Borschtsch oder beides weiß: info (at) ulrike-heitmueller.de nimmt sachdienliche Hinweise begeistert entgegen!

Wiegenlied

"Müde bin ich, geh zur Ruh,
schließe beide Äuglein zu.
Vater, lass die Augen dein
über meinem Bette sein."
Steht in der Zeit.
Kenn ich, hat meine Mutter früher immer mit mir gebetet, als ich noch klein war. Ich hab mir dann vorgestellt, Gott legt sein Auge auf das Bücherregal über dem Bett. Schließlich hatte der Nachbar mir erzählt: Als er selber klein war, hat sein Vater ein Glasauge auf den Tisch gelegt, wenn er weg musste. Mein Nachbar sollte dann brav sein, denn das Auge würde alles sehen. Das Auge sah aber nix, denn der Junge legte ein Tuch drüber.

Weihnachten

Bald ist Weihnachten. Beim Schlecker in der Hermannstraße sucht eine Frau nach Kaffee aus dem Angebot. "Alles weg", sagt die Verkäuferin, "die Leute ham keen Geld für teure Geschenke. Dann kaufen sie zwei Kaffee, schön einwickeln, nen billichen Weihnachtsmann drauf, sieht immer nobel aus."

Ramadan

Ramadan hat angefangen. Nun kann ich nicht mehr arbeiten. Sind denn alle Leute um mich herum Moslems? - Am späten Nachmittag gehts los: Da wird gekocht, auf dass man nach dem Fastenbrechen gut essen kann. Die Männer rauchen, die Frauen lachen, das Fleisch brutzelt. Die Düfte und Geräusche ziehen durchs Haus und durch den Garten, sie werden hierhin und dahin geweht. Schweben in mein Arbeitszimmer, alle her zu mir, in meine Nase, in mein Hirn, benebeln meine Sinne. Ich sehe nur noch Köfte und Börek, und alle klugen Gedanken, die ich jemals zu Freikirchen, Governance-Analysen oder Hells Angels gehabt hatte: Sie sind weg.

Versumpft

Kann man im Moor versinken? - Wollt ich schon immer mal wissen, sicher bin ich mir bloß, dass es im Moor Irrlicher und Geister und Leichen gibt. Aber versinken? Am 21. Juni 1999 frage ich die ZEIT, wissendes Wochenmagzin aus der Freien und Hansestadt Hamburg. Da bin ich übrigens geboren. Der Redakteur überlegt zehn Jahre. Als er fertig ist, schreibt er: Nein, man kann nicht im Moor versinken! - Da bin ich doch froh. Nur ein ZEIT-Leser nicht. Er ruft mich an und ist empört: Kann man doch, versinken im Moor! Wäre ihm fast mal passiert! - Ist ihm aber nicht passiert, oder? Hat der Redakteur wohl doch Recht. Hat ja auch lang genug nachgedacht.

Ordnungsamt

Joggen im Park. Eine Frau schreit. Spaß? Ernst? Vor mir ein Mann und eine Frau vom Ordnungsamt, mit Hund. Ich spreche sie an: Sie haben nichts gehört. Tja, fliegt auch grad ein Hubschrauber über uns weg. Ich bestehe darauf, dass sie nach dem Rechten schauen. Sie trotten davon. Bei der nächsten Runde treffe ich sie wieder. Wars ernst? Nein - sie hätten nichts gefunden - und ich möge doch bitte beim nächsten Mal selber schauen! Zoff.

Termine: Radio und Bar

Am Freitag, 12. Dezember, erzähle ich zwischen 17 und 18 Uhr auf MotorFM (100,6) irgendwas aus meinem interessanten Leben, und um 21 Uhr lese ich im Froschkönig (Weisestraße 17) eine Geschichte vor.

Texte verwerten

Neulich bring ich den Jungs, den palästinensischen Drogenhändlern, ihren Artikel. Gehört sich so: Sie müssen ja schließlich wissen, was ich über sie in Spiegel Online geschrieben hab. Sie werfen einen skeptischen Blick auf die Überschriften: Warum lassen sich arabische Dealer leichter erwischen? Kurzes Palaver. Schließlich reißen sie sich ein paar Schnipsel ab: Blättchen, und drehen sich daraus einen Joint. So was - ich hab gedacht, die rahmen sich das ein!

Männer im Baum

Vor meinem Fenster wird ein großer Baum beschnitten. Dicht unterm Himmel sitzen fest gebunden zwei Männer, so hoch, dass ich nur noch ihre Seile sehe. Ab und zu segelt ein Zweig, fällt ein Ast an mir vorbei, den ich dann auf den Boden krachen höre. Nun gleitet an einer Schnur ruckelnd ein langer Stab empor. Vorn dran ist eine säbelförmige Säge befestigt. Sie macht auch den entferntesten Trieben den Garaus.

Rocker am Sonntag

Neukölln ist Rocker-Treffpunkt. An jeder Ecke sitzen sie und trinken Kaffee, im gesamten Kiez stolpert man über Harleys. - Am Wochenende renoviert meine Freundin ihre Wohnung. Dritter Stock, Fußboden schleifen. Es klingelt. Vor der Tür hat sich ein Rocker aufgebaut. Er wohnt im vierten Stock: Heute ist Sonntag! Da ist Fußbodenschleifen verboten! Schluss jetzt, oder ich hol die Polizei! - Auch Rocker brauchen ihre Sonntagsruhe.

Mutter mit Kopftuch - Tochter boxt

Deutsche Meisterschaften der Amateurboxerinnen. Tribüne, erste Reihe: eine Türkin mit Kopftuch. Im Ring: eine Türkin ohne Kopftuch. Sie kämpft und gewinnt: Deutsche Meisterin. Da flitzt ein Schnauzbartträger über die Tribüne, zwängt sich durch die Brüstung und hüpft von der Tribüne, die Frau mit Kopftuch hinterher. Beide rennen zur Boxerin, umarmen und küssen sie: stolze Eltern.

Jagender Apotheker

Brauch ne Bürste. Mit Wildschweinborsten. Macht schönes Haar. Wo kaufen? In Wilmersdorf in jedem Laden, in Neukölln ... nirgendwo. Mal in der Apotheke gucken. Der Apotheker, klein, schnauzbärtig, türkisch: "Ham wa nich. Hab aber Wildschweine im Garten. Soll ich ihnen eins schießen?"

Nächtliches Würfelspiel

Im Sommer, eines nachts, es ist lau. Ich wache auf. Irgendwas ist im Hof. Es macht "klickerickerickerick, klackeklackeklack ... plopp". Dann leises Palaver in fremder Sprache. Und wieder: "klickelickelick ... plopp", wieder leise arabische Männerstimmen. Was ist da los??? - Tags ist es zu heiß, darum treffen sich die Neuköllner Araber nachts. Zum Schischa-Rauchen und reden. Und würfeln. Alle in meinem Hinterhof.