Neukölln-Blog

Fledermaus im Schwimmbad

Das Paracelsusbad in Reinickendorf ist klein, nett, altmodisch. Was macht da eine Fledermaus? Keine Ahnung. Sie krabbelt in der Damendusche über die Fliesen, stracks auf mich zu. Hält sie mich für einen Baum? Zwei Bademeister kommen mit Handtüchern herbei, ganz vorsichtig retten sie das Tier. Besser nicht anfasssen, Fledermäuse können Tollwut übertragen. Bei Füchsen und so ist sie ausgerottet, aber die Flattertiere kann man nicht kontrollieren. War trotzdem ein netter Besuch.

Piepmatz auf dem Fensterbrett

Sommer. Vogelküken werden flügge. Theater bei den Hausrotschwänzen, Spatzen, Turmfalken, Drosseln. Alle sind aufgeregt, denn Fliegen lernen ist nicht einfach. Neulich fliegt eine kleine Amsel auf mein Fensterbrett, sie hat noch ein paar helle Flaumfedern am Kopf und ihr Schwanz ist auch noch nicht so lang wie bei einer erwachsenen Amsel. Nun sitzt sie da draußen und guckt und tschilpt. Ich gucke drinnen und gucke und tschilpe zurück. Plötzlich wendet sie ihren Blick ab, was ist da? Die Mama! Mit einem Käfer im Schnabel. Misstrauisch äugt sie durchs Fenster hinein. Die Kleine sperrt ihren Schnabel auf, die Große stopft den Käer rein. Lecker! Aber nicht genug. Die Mama fliegt wieder weg, die Kleine tschilpt weiter. So eine Nervensäge. Aber was soll man machen. Wieder und wieder kommt die Mama herbeigeflogen und stopft dem verflogenen Nachwuchs den Schnabel. Und der breitet, ohne Vorwarnung, plötzlich die Flügel aus und flattert auf den nächsten Baum.

Lezanne Clannachan, Jellybird

Jessica ist Schmuckdesignerin, glücklich verheiratet. Plötzlich begegnet ihr die aufregende Libby. Jessica wirft sich in diese Freundschaft, und plötzlich passt in ihrem Leben nichts mehr richtig. Dann entdeckt sie auch noch eine alte Postkarte und wird in ihre Vergangenheit zurück gerissen: Was wurde aus ihrer ersten Liebe? Und was stimmt mit Libby nicht? Ich habe den Roman von Lezanne Clannachan verschlungen. Man merkt zwar manchmal, finde ich, dass es ein Erstling ist, gelegentlich sind die Figuren mit ihren Handlungen nicht ganz überzeugend. Trotzdem bleibt es immer spannend. Ich las die 422 Seiten auf Englisch in Nullkommanichts! Ich bin gespannt auf Clannachans nächstes Buch. Nur: War wirklich der Geständige der Mörder? Ich hatte, vor allem am Schluss, jemand anderen in Verdacht. Hm.

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin und Die Geschichte eines neuen Namens

Zwei Freundinnen. Erst Kinder, dann Jugendliche, schließlich Erwachsene. Eine Beziehung voll Verständnis und Unterstützung einerseits, Rivalität andererseits. Freundschaft ist ein Thema, das mich in vielen Büchern interessiert. Wenn ich ein Buch lese, kommt es vor, dass ich es unter diesem Aspekt lese, auch wenn es gar nicht das eigentliche Thema ist, wie zum Beispiel bei Harry Potter. Aber, man sollte es nicht glauben, aber ganz offensichtlich ist diese von Ferrantes erdichtete Freundschaft zwischen zwei Mädchen ein Thema, welches die ganze lesende Welt fesselt. Zwei Themen, für die man doch keine weltweite Begeisterung erwarten würde! Freundschaft! Mädchen! Und das geschieht nicht zum ersten Mal: Hatte nicht Stephen King über Carrie gesagt, ach, wen interessierten schon die Menstruationsprobleme eines jungen Mädchens?, und dann wurde es doch ein Bestseller. Vive la femme!

Lynn Povich, The Good Girls Revolt

Großartig! Das US-amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek hat eine lange Tradition, es wurde schon in den 1930er Jahren gegründet. Es hat aber auch eine lange Tradition in der Benachteiligung von Frauen! In den 1960ern bekamen Bewerberinnen zu hören: Wenn Sie schreiben wollen, dann gehen Sie woanders hin. Bei der Wochenzeitschrift durften sie "nur" recherchieren, und, natürlich, den Männern zuarbeiten. Lynn Povich beschreibt, wie sie mit einer Gruppe Mitarbeiterinnen Klage erhoben - und gewonnen hat. Bemerkenswert auch, wie unterschiedlich die Folgen für die einzelnen Frauen waren. Nicht alle wurden damit glücklich, und sie haben auch nicht alle profitiert. Wer in der ersten Reihe steht, kann oft die Früchte seines Tuns nicht ernten. Bei Newsweek hat sich viel geändert, und zwar zum Guten - aber, so erzählt der Prolog: Noch heute werden Frauen bei Newsweek benachteiligt. Es bleibt viel zu tun. Äußerst spannend!

Amsterdam

Hören

Sonntag abend, Concertgebouw, von kurzen Hosen bis zum schickem Kleid ist alles da. Ronald Brautigam am Klavier und die Kölner Akademie unter der Leitung von Michael Alexander Willens spielen Mozart und Beethoven. Brautigam spielt perlend, aber er könnte manchmal eine Fermate setzen. Oder der Dirigent. Außerdem haben die Hörner manchmal das Klavier übertönt. Aber das lag vielleicht daran, dass historische Instrumente eine andere Akustik haben. Und vielleicht auch am Sitzplatz HINTER dem Orchester. Egal, wann kann man schon dem Pianisten auf die Finger und dem Dirigenten ins Gesicht gucken? Und Mozart und, noch seltener, Beethoven auf historischen Instrumenten genießen? Hat sich in jedem Fall gelohnt!

Sehen

Das Reichsmuseum zeigt niederländische (Kunst-)Geschichte vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Zu einigen Bildern (ungefähr eines pro Raum) gibt es DinA4-Zettel mit Erklärungen auf Niederländisch und Englisch, "see more" steht auf der einen Seite, dort ist das Bild noch einmal abgebildet, einige Details sind hervorgehoben und werden erklärt. Auf der Rückseite, "learn more", werden historische und politische Hintergründe erläutert. Toll und spannend, und man guckt viel genauer hin.

Das Van Gogh Museum hat die größte Sammlung von Werken Vincent van Goghs, darunter "Meisterwerke wie 'Die Kartoffelesser', die 'Sonnenblumen', die 'Mandelblüten' und 'Der Sämann'", heißt es auf der Website des Museums. Die Kartoffelesser haben mir nicht gefallen, zu düster, außerdem mag ich Kartoffeln nicht so gern, und warum wollte van Gogh eigentlich aufs Land? Ich verstehe nicht, was ihn am Landleben faszinierte. Ich bin da groß geworden und muss es wissen: stinklangweilig! Die Landschaft in der Sonne, ok, aber mir ist jedes bisschen Gartenarbeit zu viel. Vielleicht mag ich deswegen van Gogh und seine Sonnenblumen so gern? Sonnenblumen machen keine Arbeit, und billig sind sie auch. Als mein Eltern (Jahrgang 1922 bzw. 1923) nach dem Krieg die erste gemeinsame Wohnung hatten, säte meine Mutter Sonnenblumenkerne in die Blumentöpfe auf dem Balkon, weil sie für anderes kein Geld hatte.

Im Rembrandthaus hat Rembrandt Jahrzehnte lang gelebt. Es wurde zum Teil originalgetreu rekonstruiert, soweit man das wissen kann, und wenn man die Betten anguckt, fragt man sich, ob die Menschen damals winzig waren oder ob sie zusammengefaltet wurden, bevor sie sich schlafen legten. Rembrandt hatte viele Schüler, einige konnten bei ihm arbeiten, ganz oben im Haus wurden Kabinen mit einer Art Spanischen Wand abgeteilt, so hatten sie ein bisschen Ruhe. Ausgestellt werden Radierungen und Stiche, wunderbar.

Lesen

American Book Center, ein Riesengeschäft mit amerikanischen Büchern: Gut sortiert und tolle Auswahl! Massenweise Krimis, Bücher über Musiker, schräge Outdoorbücher, Bücher über das Bücherschreiben, Autobiografien und Biografien, Wissenschaft... kurz: alles, was das Herz begehrt. Man kann hier Stunden verbringen! Familienbetrieb. Freundliche Leute. Irgendjemand packt im 2. OG einen Haufen Bücher in seinen Rucksack. Ich sehe es nicht, es wird mir nur erzählt. Bescheid sagen? Dabei bekommen Menschen 55+ Montags 50 Prozent Rabatt!!! Ich muss noch etwas warten, hab trotzdem eingekauft, wenn auch nicht so reichlich, wie ich es gewünscht hätte - wer hat schon ein Portemonnaie, dick genug für alle Bücher, die er will? Autoren ohne Verlag können hier übrigens ihre eigenen Bücher machen, dank Betty!

Bewegen

Fahrrad leihen (5 bis 10 Euro pro Tag) und glücklich sein! Die Holländer sind alle schlank, was Wunder, Autos sieht man selten, jeder radelt auf seinem Omafiets.

Endgültig von Andreas Pflüger

Wie Blinde sich mit ihrem Gehör, per Klicksonar, zurecht finden, wollte ich wissen, seit ich vor ein paar Jahren eine Reportage im Stern (oder so) las. Andreas Pflüger hat mit "Endgültig" einen Krimi über eine erblindete Ermittlerin geschrieben, die das und noch viel mehr in Perfektion beherrscht. Eine Art Lara Croft: Jenny Aaron war bei einer Sondereinheit der Polizei gewesen. Ein Einsatz endete in einer Katastrophe, sie verlor ihr Augenlicht. Sie lernte alles neu und noch mehr dazu und wurde Vernehmungsspezialistin beim BKA. Nun geht sie einem scheinbar neuen Fall nach und es stellt sich heraus, dass er mit der Katastrophe von damals verwoben ist. Sie muss erspüren, wer Freund ist, wer Feind und braucht all ihre Fähigkeiten. Wurde bei den Stuttgarter Kriminächten 2017 vorgestellt und ist sehr, sehr spannend!

Le rapport de Brodeck von Philippe Claudel

Brodeck ist nichts, oder wie nichts, "je n´y suis pour rien", so stellt er sich vor im Roman von Philippe Claudel. Er lebt in einem abgelegenen Dorf, wohl im Elsass, vielleicht auch Osteuropa, er kam als Kind mit seiner Amme dorthin. Er war klug, die Dörfler ermöglichten ihm ein Studium in der Stadt, jede Woche sammelten sie für ihn, aber denn kommt der Krieg und verjagt Brodeck. In der Stadt hatte er die Liebe seines Lebens gefunden, sie gehen zusammen ins Dorf. Aber der Krieg lässt ihn auch dort nicht in Ruhe, Soldaten kommen, fragen nach Fremden, er wird denunziert und ins KZ verschleppt. Während er fort ist, vergewaltigen und schwängern Soldaten und Dörfler seine Frau, als die drei junge Frauen vor ihnen retten will. Als Brodeck zurückkehrt, liebt er das dadurch entstandene kleine Mädchen dennoch. Aber seine Frau ist nie mehr dieselbe. Ein geheimnisvoller Fremder lässte sich im Dorf nieder. Er ist wohl genährt und trägt wertvolle Kleidung, hat wertvolle Pfanzenbestimmungsbücher und redet nur mit seinem Pferd und seinem Esel. Eines Tages veranstaltet er ein Fest und lädt die Dörfler ein. Da schenkt er ihnen Zeichnungen, er hatte sie heimlich portraitiert. Dabei hat er ihr Innerstes so genau getroffen, dass sie ihn von nun an hassen und fürchten. Erst ersäufen sie seine Tiere. Von da an klagt der Fremde jede Nacht "assassins ... assassins!", "Mörder ... Mörder!" Schließlich erstechen sie auch ihn, die Männer des Dorfes, alle gemeinsam. Außer Brodeck. Dieser gerät zufällig an den Schauplatz des Verbrechens. Und die Dörfler beauftragen ihn, einen Bericht darüber zu schreiben: Er könne mit Worten umgehen, er habe eine Schreibmaschine. Er schreibt. Er schreibt die Geschichte des Fremden. Aber er schreibt auch seine eigene Geschichte. Die Dörfler nerven ihn. Er, ab und zu, wehrt sich. Schließlich ist er fertig.Der Bürgermeister liest den Bericht - und vernichtet ihn. Brodeck ist anders und wird dafür immer wieder ausgestoßen und verraten. Aber dabei bleibt es nicht: Er flieht. Brodek, der oft so schwach schien, nimmt im Schutz der Dunkelheit seine Frau, das kleine Mädchen und die alte Amme und trägt sie davon. Nur ein Hund läuft ihnen eine Zeitlang voraus. Am Schluss schreibt er noch einmal: Er sei ein Nichts. "Bitte, erinnert Euch." Er ist kein Nichts geblieben.

Madrid

Herrlich. Großartige Museen, freundliche Menschen, eine schöne Stadt, ein bisschen wie Paris, aber auch härter und klarer. Prado, herrlich. Museum Königin Sofia, großartig. Museum Thyssen-Bornemisza, wunderbar.

Stühle im Theater

Volksbühne, Molière, bei der Gelegenheit Glückwunsch an den König für den Silbernen Bären. Warum eigentlich sind die Sitzflächen der Stühle in der Volksbühne so hart? Und warum biegen sich die Lehnen so unheimlich weit nach hinten? Hat schon mal jemand beim Zurücklehnen seine Stuhllehne abgebrochen? 5 1/4 Stunden Casdorf sind echt anstrengend, wenn man sich nicht getraut, sich zurückzulehnen. War aber trotzdem toll.

Krimis, Nicht-Krimis

Alle Krimis ausgelesen. Was nun? Noch mal Mankell. Und wieder grübeln: Mag ich den nun oder mag ich den nicht? Eigentlich ist ja grad Le Rapport de M. Brodeck von Philippe Claudel dran. Vor ein paar Monaten vom selben Autor Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung, übersetzt von Christiane Seiler. Das war rührend und traurig und schön. Brodeck ist mir noch ein Rätsel.

Wichtiges Thema, nervige Ausstellung

Noch bis zum 17. Mai 2017 läuft im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart. Die Ausstellung will "die koloniale Ideologie offen [legen], die von einem europäischen Überlegenheitsdenken geprägt war." Texte gibt es in deutscher und englischer Sprache, und "die Hauptinformationen" auch in Braille, in Leichter Sprache sowie als Gebärdenvideo.
Aber: Die koloniale Ideologie nicht nur offengelegt, sondern ihre Abscheulichkeit wird dem Besucher mit dem Holzhammer eingetrichtert. Das gilt vor allem für viele Informationen in Leichter Sprache.
Forscher haben in den Kolonion Tiere und Pflanzen benannt, heißt es in der Ausstellung. Und weil in Europa alle Pflanzen und Tiere lateinische Namen haben, bekamen auch jene, die sie in den Kolonien fanden, lateinische Namen. "Die Forscher fragten die Menschen in den Kolonien nicht, wie die Tiere oder Pflanzen dort hießen." - Ach nee, echt nicht? Woher wollt Ihr das wissen? "Die neuen Namen kamen auch von deutschen Männern." Was heißt das: Dass deutsche Männer lateinische Namen verteilt haben? Oder dass es sich bei den lateinischen Namen um latinisierte Namen deutscher Männer handelte? - Beide Male frage ich: Na und? Auch in Deutschland lebende Tiere und Pflanzen haben lateinische Namen, die erstens jünger als viele volkstümliche Bezeichnungen sind und zweitens oft den Namen des Wissenschaftlers beinhalten, der sie klassifiziert und sein Forschungsergebnis öffentlich gemacht hat.
Beim Thema "Rassismus" heißt es "Noch immer denken einige Deutsche: Weiße Menschen sind besser als Schwarze Menschen." - Denken schwarze Deutsche das auch? Und denken nicht-deutsche Weiße das nicht? Schreibt doch: "Noch immer denken einige Weiße ..."
Der Ethnologe Otto Finsch wird zitiert, der Einheimischen Gesichtsmasken abnahm und sich wunderte, dass diese, "sogenannte Wilde, von deren Sprache ich auch nicht ein Wort verstand", sich dieses hätten gefallen lassen. Die Ausstellungsmacher bezeichnen Finschs Sicht als abschätzig, aber warum denn bloß? Das Nicht-Verstehen setzt er auf seine Seite; er nennt sie "sogenannte" Wilde.
Also: nervig. Aber trotzdem interessant.

Pilgern: Gute Ausstellung in Köln

Ich? Bin noch nie gepilgert, was Wunder, aber andere Leute pilgern. Und zwar ganz schön viele: Millionen Menschen jedes Jahr. Kostet sie Zeit, Geld Nerven. Aber sie suchen - und viele finden - einen Sinn, wofür auch immer, Erlösung von Sünde und Schuld, Heilung von Krankheit und Gebrechen. Eine Ausstellung in Köln lässt Pilgerer zu Wort kommen und stellt 14 Pilgerorte vor, aus den großen Weltreligionen und unterschiedlichen Erdteilen. Pilgern, nicht nur zur Transzendenz, sondern in Wechselwirkung mit Politik und Wirtschaft, Ökologie und Tourismus. Anstrengende Ausstellung, interessant, gibt viel zu lesen: Man kann locker drei Stunden einplanen. Zum Glück hat das Museum ein Café. Darin kann man nach dem Gucken herumsitzen und nachdenken. Rautenstrauch-Joest-Museum - Kulturen der Welt

U-Bahn

Jeder guckt aufs Handy. Keiner flirtet, kifft, schlägt, tritt oder so. Nein, nur Handy gucken. Sehr beruhigend. Wie ein Schlafmittel für die Öffentlichkeit.

Januarwetter

Radfahren geht nicht, wenn man so ein Schisser ist. Bestimmt wirds gleich glatt, gleich, sofort, jetzt, sobald ich auf dem Rad sitze und los radele. Dann fällt Schnee, rinnt Regen, gefriert Nässe. Der Radweg ein Spiegel, auf dem ich liege, mit blutigem Ellenbogen und blauen Hüften. Aua.

Arbeiten

Morgens früh raus. Vor den Haustüren stehen die Tagelöhner und frieren. Sie warten auf die Lieferwagen, die sie abholen. Zur Arbeit. Was zahlen sie wohl für ihre Wohnungen? Wie viele Männer teilen sich ein Zimmer? Mit Kohleofen? Nicht schön.

Familienunternehmen

Ein Kaufmann erzählt einem anderen Kaufmann von einem polnischen Unternehmer. In dessen Unternehmen ist jeder mit jedem verwandt. Ist wohl so bei den Polen. Glaubt der Kaufmann. Er sagt: Der Onkel sitzt so da und ... macht so. Aha.

Vortrag halten

Am 12. Januar habe ich im Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen in Lüdenscheid einen Vortrag gehalten: "Mein Großvater, der Antisemit – die Geschichte des Predigers und Kirchenfunktionärs Friedrich Heitmüller (1888-1965)". (Februar 2011)

Neven du-Mont und Neven-DuMont

Die Familie Neven-DuMont hat im Jahr 2010 manch eine Schlagzeile gemacht. Ist Konstantin eigentlich mit Dietlind verwandt? Also Neven-DuMont mit Neven du-Mont? Dietlind hat nämlich "Das Getüm" und "Ein Getüm kommt selten allein" geschrieben. Und dieses Getüm zerpflückt immer Zeitungen. Außerdem ist die mit Abstand unsympatischste Figur ein aufdringlicher Paparazzo namens Enrico Buzzi. Aber der wird am Schluss nett und schreibt dann nur noch Bücher über Katzen. So eine gewisse Distanz gegenüber Zeitungen... Lässt doch eine Verwandtschaft vermuten, oder? Aber nur vermuten, denn im Redaktionsarchiv MDS findet sich leider nichts dazu.

Briefkästen sprengen

Jugendliche haben Ende Dezember einen Briefkasten in die Luft gesprengt. In Neukölln. Dies fand sogar in Flensburger Medien Erwähnung. In niedersächsischen Dörfern kam dies jedes Silvester vor, ohne dass sich jemand dafür interessiert hätte. Abgesehen natürlich von den Leidtragenden wie etwa dieser Autorin, deren Briefe auch mal explodiert sind.

Die Russen kommen

Guck in die Statistik meiner Homepage. Jeden Monat kommen mich ein paar Hundert Russen besuchen. Warum nur? Egal: Straswutje! Ach, falls jemand dabei ist, der ein Rezept für Blini oder Borschtsch oder beides weiß: info (at) ulrike-heitmueller.de nimmt sachdienliche Hinweise begeistert entgegen!

Wiegenlied

"Müde bin ich, geh zur Ruh,
schließe beide Äuglein zu.
Vater, lass die Augen dein
über meinem Bette sein."
Steht in der Zeit.
Kenn ich, hat meine Mutter früher immer mit mir gebetet, als ich noch klein war. Ich hab mir dann vorgestellt, Gott legt sein Auge auf das Bücherregal über dem Bett. Schließlich hatte der Nachbar mir erzählt: Als er selber klein war, hat sein Vater ein Glasauge auf den Tisch gelegt, wenn er weg musste. Mein Nachbar sollte dann brav sein, denn das Auge würde alles sehen. Das Auge sah aber nix, denn der Junge legte ein Tuch drüber.

Weihnachten

Bald ist Weihnachten. Beim Schlecker in der Hermannstraße sucht eine Frau nach Kaffee aus dem Angebot. "Alles weg", sagt die Verkäuferin, "die Leute ham keen Geld für teure Geschenke. Dann kaufen sie zwei Kaffee, schön einwickeln, nen billichen Weihnachtsmann drauf, sieht immer nobel aus."

Ramadan

Ramadan hat angefangen. Nun kann ich nicht mehr arbeiten. Sind denn alle Leute um mich herum Moslems? - Am späten Nachmittag gehts los: Da wird gekocht, auf dass man nach dem Fastenbrechen gut essen kann. Die Männer rauchen, die Frauen lachen, das Fleisch bruzzelt. Die Düfte und Geräusche ziehen durchs Haus und durch den Garten, sie werden hierhin und dahin geweht. Schweben in mein Arbeitszimmer, alle her zu mir, in meine Nase, in mein Hirn, benebeln meine Sinne. Ich sehe nur noch Köfte und Börek, und alle klugen Gedanken, die ich jemals zu Freikirchen, Governance-Analysen oder Hells Angels gehabt hatte: Sie sind weg.

Versumpft

Kann man im Moor versinken? - Wollt ich schon immer mal wissen, sicher bin ich mir bloß, dass es im Moor Irrlicher und Geister und Leichen gibt. Aber versinken? Am 21. Juni 1999 frage ich die ZEIT, wissendes Wochenmagzin aus der Freien und Hansestadt Hamburg. Da bin ich übrigens geboren. Der Redakteur überlegt zehn Jahre. Als er fertig ist, schreibt er: Nein, man kann nicht im Moor versinken! - Da bin ich doch froh. Nur ein ZEIT-Leser nicht. Er ruft mich an und ist empört: Kann man doch, versinken im Moor! Wäre ihm fast mal passiert! - Ist ihm aber nicht passiert, oder? Hat der Redakteur wohl doch Recht. Hat ja auch lang genug nachgedacht.

Ordnungsamt

Joggen im Park. Eine Frau schreit. Spaß? Ernst? Vor mir ein Mann und eine Frau vom Ordnungsamt, mit Hund. Ich spreche sie an: Sie haben nichts gehört. Tja, fliegt auch grad ein Hubschrauber über uns weg. Ich bestehe darauf, dass sie nach dem Rechten schauen. Sie trotten davon. Bei der nächsten Runde treffe ich sie wieder. Wars ernst? Nein - sie hätten nichts gefunden - und ich möge doch bitte beim nächsten Mal selber schauen! Zoff.

Termine: Radio und Bar

Am Freitag, 12. Dezember, erzähle ich zwischen 17 und 18 Uhr auf MotorFM (100,6) irgendwas aus meinem interessanten Leben, und um 21 Uhr lese ich im Froschkönig (Weisestraße 17) eine Geschichte vor.

Texte verwerten

Neulich bring ich den Jungs, den palästinensischen Drogenhändlern, ihren Artikel. Gehört sich so: Sie müssen ja schließlich wissen, was ich über sie in Spiegel Online geschrieben hab. Sie werfen einen skeptischen Blick auf die Überschriften: Warum lassen sich arabische Dealer leichter erwischen? Kurzes Palaver. Schließlich reißen sie sich ein paar Schnipsel ab: Blättchen, und drehen sich daraus einen Joint. So was - ich hab gedacht, die rahmen sich das ein!

Männer im Baum

Vor meinem Fenster wird ein großer Baum beschnitten. Dicht unterm Himmel sitzen fest gebunden zwei Männer, so hoch, dass ich nur noch ihre Seile sehe. Ab und zu segelt ein Zweig, fällt ein Ast an mir vorbei, den ich dann auf den Boden krachen höre. Nun gleitet an einer Schnur ruckelnd ein langer Stab empor. Vorn dran ist eine säbelförmige Säge befestigt. Sie macht auch den entferntesten Trieben den Garaus.

Rocker am Sonntag

Neukölln ist Rocker-Treffpunkt. An jeder Ecke sitzen sie und trinken Kaffee, im gesamten Kiez stolpert man über Harleys. - Am Wochenende renoviert meine Freundin ihre Wohnung. Dritter Stock, Fußboden schleifen. Es klingelt. Vor der Tür hat sich ein Rocker aufgebaut. Er wohnt im vierten Stock: Heute ist Sonntag! Da ist Fußbodenschleifen verboten! Schluss jetzt, oder ich hol die Polizei! - Auch Rocker brauchen ihre Sonntagsruhe.

Mutter mit Kopftuch - Tochter boxt

Deutsche Meisterschaften der Amateurboxerinnen. Tribüne, erste Reihe: eine Türkin mit Kopftuch. Im Ring: eine Türkin ohne Kopftuch. Sie kämpft und gewinnt: Deutsche Meisterin. Da flitzt ein Schnauzbartträger über die Tribüne, zwängt sich durch die Brüstung und hüpft von der Tribüne, die Frau mit Kopftuch hinterher. Beide rennen zur Boxerin, umarmen und küssen sie: stolze Eltern.

Jagender Apotheker

Brauch ne Bürste. Mit Wildschweinborsten. Macht schönes Haar. Wo kaufen? In Wilmersdorf in jedem Laden, in Neukölln ... nirgendwo. Mal in der Apotheke gucken. Der Apotheker, klein, schnauzbärtig, türkisch: "Ham wa nich. Hab aber Wildschweine im Garten. Soll ich ihnen eins schießen?"

Nächtliches Würfelspiel

Im Sommer, eines nachts, es ist lau. Ich wache auf. Irgendwas ist im Hof. Es macht "klickerickerickerick, klackeklackeklack ... plopp". Dann leises Palaver in fremder Sprache. Und wieder: "klickelickelick ... plopp", wieder leise arabische Männerstimmen. Was ist da los??? - Tags ist es zu heiß, darum treffen sich die Neuköllner Araber nachts. Zum Schischa-Rauchen und reden. Und würfeln. Alle in meinem Hinterhof.